IMOCA und neue Boote
Mit der Edition 2022–2023 vollzog The Ocean Race den wohl größten technischen Paradigmenwechsel seit dem Übergang von Open-70-Yachten zu VO65-Booten: Statt acht Segler auf identischen One-Design-Schiffen segeln seitdem vier Profis auf IMOCA 60 – Monohulls, die ursprünglich für den Einzelhand-Vendée Globe konzipiert wurden. Dieser Schritt verbindet die spektakulärste Crew-Offshore-Regatta der Welt mit der innovativsten Einzelhand-Klasse und macht IMOCA und neue Boote zum zentralen Thema für jeden, der The Ocean Race verstehen oder professionell verfolgen will.
Was ist die IMOCA-Klasse?
IMOCA steht für International Monohull Open Class Association. Die Klasse regelt 60-Fuß-Einhand-Monohulls (ca. 18,28 Meter Länge), die für Non-Stop-Weltumsegelungen im Einzelhand ausgelegt sind. Im Gegensatz zu klassischen One-Design-Regatten wie der früheren VO65-Ära gelten bei IMOCA Open-Class-Regeln: Jedes Boot muss bestimmte Grenzwerte einhalten (Länge, Breite, Masthöhe, Kiel-Typ), innerhalb dieser Vorgaben ist aber Design-Freiheit erlaubt.
Die IMOCA-Klasse ist die Heimat des Vendée Globe und zahlreicher Transatlantik-Rennen. Wer den Karriereweg vom Figaro zum IMOCA nachvollziehen will, findet unter Figaro und IMOCA-Einzelhand den typischen Aufstieg im Offshore-Segeln.
Kerndaten der IMOCA 60
- Länge über alles: ca. 18,28 m (60 Fuß)
- Breite (Beam): bis ca. 5,85 m
- Masthöhe: bis ca. 29 m
- Verdrängung: typisch 7,5–8,5 Tonnen (je nach Generation und Ausrüstung)
- Segelfläche am Wind: bis zu ca. 600 m² mit Code Zero und Vorsegel
- Antriebskonzept: reiner Segelantrieb – kein Motor als Antrieb im Rennen
IMOCA-Klassenstruktur: IMOCA (Open Class) → IMOCA 60 (Regatta-Boot) → Generationen (Pre-Foil / Foil-Gen 1 / Foil-Gen 2) → Einsatzbereiche (Vendée Globe solo / The Ocean Race crew / Transat solo)
Der Wechsel von VO65 zu IMOCA 60
Bis 2018 dominierten Volvo Ocean 65 (VO65) bei The Ocean Race: acht identische One-Design-Yachten, bis zu acht Crew-Mitglieder, Grinder-Positionen und ein klar definierter Materialpool. Ab 2022–2023 wechselte das Rennen zur IMOCA 60 – nicht als One-Design, sondern als Entwicklungsklasse mit unterschiedlichen Bootskonzepten pro Team.
Die Gründe für diesen Wechsel:
- Innovationsdruck: IMOCA-Boote sind die schnellsten Einhand-Monohulls der Welt; Foils, Autopiloten und Composite-Technik werden dort zuerst erprobt.
- Kosteneffizienz: Teams können bestehende IMOCA-Yachten für The Ocean Race adaptieren und danach im Vendée Globe weiter nutzen.
- Medienrelevanz: Die Verbindung zur Einzelhand-Welt zieht ein neues Publikum und stärkt die Storyline „Extrem-Segeln“.
- Nachhaltigkeit: Weniger Crew (vier statt acht), kleinere Boote, geteilter Materialpool über mehrere Events hinweg.
Technische Innovationen: Foils, Autopiloten, Materialien
Die modernen IMOCA-Boote der Foil-Generation (seit ca. 2016–2018) unterscheiden sich fundamental von früheren Schiffen ohne Lifting Surfaces. Der Cant-Kiel – ein seitlich schwenkbarer Kiel – trägt an seinen Enden Foils, die das Boot teilweise aus dem Wasser heben und so den Rumpfwiderstand reduzieren.
Foils und Cant-Kiel
- Cant-Kiel: Der Kiel lässt sich um bis zu ca. 40 Grad neigen, um Foils optimal ins Wasser zu bringen.
- Lifting Foils: Reduzieren den Auftrieb auf den Rumpf; bei 15–20 Knoten Wind und passendem Kurs können Boote deutlich schneller segeln als frühere Generationen.
- Handling: Foils erfordern präzises Trimm und vorsichtiges Manövrieren – Fehler können zu Kenterungen führen, wie mehrfach im Training und bei Einzelhand-Rennen gezeigt wurde.
Mehr zu Flügel-Geometrie und Setup unter Foils und Hydrofoils.
Autopiloten und Elektronik
Auf IMOCA-Booten arbeiten Hochleistungs-Autopiloten, die im Einzelhand den Steuermann ersetzen. Bei The Ocean Race mit vier Crew-Mitgliedern entlasten sie das Watch-System, bleiben aber eine kritische Schwachstelle: Ausfall eines Autopiloten bedeutet manuelles Steuern bei hoher Geschwindigkeit – körperlich extrem fordernd.
Wichtige Systeme an Bord:
- Routing-Software mit GRIB-Wetterdaten und Polars
- AIS und Radar für Kollisionsvermeidung
- Satellitenkommunikation für Wetterupdates und Medien-Übertragungen
- Batterie- und Energiemanagement für Instrumente, Pumpen und Kommunikation
Rumpf und Rigging
IMOCA-Rümpfe bestehen aus Carbon-Prepreg-Laminaten – extrem steif und leicht, aber empfindlich bei Crashs mit schwimmenden Objekten oder Eis. Das Rigging nutzt Carbon-Masten und PBO- oder Carbon-Stagen; die Segel stammen von Spezial-Segelmachern mit Offshore-Laminaten für extreme Belastungen.
Bootsgenerationen und Design-Philosophien
Bei The Ocean Race 2022–2023 starteten Boote unterschiedlicher Generationen – von älteren Foil-Booten bis zu brandneuen Schiffen, die speziell für Crew-Racing optimiert wurden.
Pre-Foil-Generation
Boote ohne Lifting Surfaces, entwickelt vor ca. 2016. Langsamer als moderne Foil-Boote, aber robuster und einfacher zu handhaben. Für The Ocean Race nur noch bedingt wettbewerbsfähig.
Foil-Generation 1 und 2
Generation 1 (ca. 2016–2020): Erste Cant-Kiel-Foils, deutlicher Geschwindigkeitszuwachs, aber noch hohe Kenterungsrate bei Fehlmanövern.
Generation 2 (ab ca. 2021): Breitere Rümpfe, verbesserte Foil-Geometrie, stabilere Plattform bei hoher Geschwindigkeit. Boote wie Malizia, Holcim-PRB oder Biotherm repräsentieren unterschiedliche Werft-Philosophien (VPLP, Guillaume Verdier, Owen Clarke).
Anpassungen für Crew-Racing bei The Ocean Race
IMOCA-Boote sind für Einzelhand gebaut – enge Kojen, ein einziger Steuerstand, minimale Komfort-Ausrüstung. Für The Ocean Race mit vier Seglern sind Anpassungen nötig:
- Crew-Kojen: Zusätzliche Schlafplätze und Watch-Rotation statt Solo-Rhythmus.
- Sicherheitsausrüstung: Erweiterte Rettungsmittel für größere Crew.
- Kommunikation: Mehr Medien-Equipment für Live-Übertragungen.
- Lebensmittel und Proviant: Vorräte für vier Personen über Wochen.
- In-Port-Race-Modus: Boote müssen auch in Hafenbecken manövrierbar sein – Foils werden teils eingefahren oder gesichert.
Details zum Watch-System und zur Crew-Struktur stehen in Etappen und Crew-Struktur.
IMOCA-Boot für The Ocean Race vorbereiten
Werften und Design-Häuser
Die führenden IMOCA-Designs stammen von wenigen Spezial-Büros und Werften:
- VPLP Design (Frankreich): Breite Rümpfe, Foil-Optimierung; u. a. Gitana, Banque Populaire.
- Guillaume Verdier (Frankreich): Aerodynamisch optimierte Decks und Rümpfe; u. a. Charal, Apivia.
- Owen Clarke Design (UK/Irland): Fokus auf Einhand-Handling; u. a. Malizia.
- Werften: Persico Marine, Multiplast, CDK Technologies – Carbon-Spezialisten für IMOCA-Neubauten.
Ein Neubau kostet je nach Spezifikation 4 bis 6 Millionen Euro und mehr – Teams finanzieren Boote über Sponsoren, Syndikate oder langfristige Nutzung über mehrere Events (Figaro 3 und Class 40 als Einstiegsklassen, IMOCA als Spitze).
Herausforderungen und Risiken
Die IMOCA-Ära bei The Ocean Race bringt neue Risiken mit sich:
Kenterungen und Materialschäden
Foil-Boote kentern schneller als klassische Monohulls. Im Southern Ocean und bei schwerem Wetter sind Self-Righting-Systeme und trainierte Crew-Reaktionen lebenswichtig. Mehr zu Offshore-Sicherheit.
Schlafmangel und körperliche Belastung
Vier Segler teilen sich alle Aufgaben, die beim Einzelhand einer Person obliegen – bei höheren Durchschnittsgeschwindigkeiten und kürzeren Etappenzeiten. Das Watch-System wird zur Überlebensfrage.
Technische Ausfälle
Autopilot-Ausfall, Foil-Schaden, Rigging-Probleme – bei 500+ Seemeilen pro Tag gibt es wenig Zeit für Reparaturen. Stopovers werden zur kritischen Phase für Material-Overhauls.
Foils erhöhen die Geschwindigkeit, aber auch das Kenterungsrisiko. Crews trainieren Capsize-Recovery und Self-Righting ausdrücklich vor jedem Southern-Ocean-Leg.
Checkliste: IMOCA-Boot bei The Ocean Race verstehen
Beim Verfolgen oder Planen rund um IMOCA bei The Ocean Race lohnt sich diese Orientierung:
- Bootsgeneration identifizieren (Pre-Foil / Gen 1 / Gen 2)
- Design-Büro und Werft des Bootes kennen
- Foil-Status und Cant-Kiel-Konfiguration verstehen
- Crew-Zusammensetzung und Offshore-Erfahrung prüfen
- Autopilot- und Elektronik-Setup einschätzen
- Lebenszyklus: Vendée Globe vor/nach The Ocean Race?
- Stopover-Reparaturen und Material-Upgrades verfolgen
- In-Port-Race-Performance vs. Offshore-Leg-Stärke vergleichen
Tipp: Beim Live-Tracking auf Foil-Boote achten: Bei Winden über 18 Knoten und Raumwind-Kursen springen Tagesdistanzen oft auf über 500 Seemeilen – ein Indikator für Foil-Effizienz.
Zukunft: IMOCA und neue Boote ab 2025
The Ocean Race plant, an der IMOCA 60 festzuhalten. Die nächsten Bootsgenerationen werden voraussichtlich:
- Noch breitere Rümpfe für mehr Stabilität bei Foiling nutzen.
- Verbesserte Energie-Systeme (Solar, Hydrogeneratoren) für autonomere Elektronik einsetzen.
- Nachhaltigere Materialien in Rumpf und Rigging testen – im Einklang mit der Sustainability-Agenda von World Sailing.
- Hybrid-Nutzung zwischen Crew-Events (The Ocean Race) und Solo-Events (Vendée Globe) weiter optimieren.
IMOCA bei The Ocean Race 2022–2023: 5 Teams, 4 Segler pro Boot, Editionssieger Team Malizia (Malizia-Seaexplorer), schnellste Leg teils über 600 sm/Tag in idealen Bedingungen
Häufige Fragen (FAQ)
Warum nicht bei VO65 bleiben?
One-Design-VO65 war teuer in der Flottenhaltung und bot wenig Innovationsstory. IMOCA verbindet The Ocean Race mit der Einzelhand-Welt und senkt langfristig Kosten durch Mehrfachnutzung.
Sind alle IMOCA-Boote bei The Ocean Race gleich schnell?
Nein. Open Class bedeutet Design-Unterschiede – Foil-Generation, Werft und Skipper-Erfahrung machen den Unterschied.
Können IMOCA-Boote nach The Ocean Race im Vendée Globe starten?
Ja – das ist ein zentrales Konzept. Boote werden für Crew-Racing adaptiert und danach wieder auf Einzelhand umgerüstet.
Wie viele Foils hat eine IMOCA 60?
Typisch zwei Lifting Foils am Cant-Kiel plus ggf. zusätzliche Stabilisierungsflächen – je nach Design und Reglement.
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Letzte Aktualisierung: 4. Juli 2026