Route du Rhum und Transat

Die Route du Rhum und die Transat-Rennen gehören zu den großen Ikonen des französischen Offshore-Segelns. Während der Vendée Globe die Welt non-stop umsegelt, konzentrieren sich diese Transatlantik-Klassiker auf die klassische Passage von Europa nach der Karibik – allein oder zu zweit, über den Nordatlantik, durch die Passatwinde und oft mit spektakulären Ultim-Multihulls an der Spitze. Wer Legendäre Offshore-Regatten verfolgt, trifft hier auf ein Format, das Einzelhand-Drama, technologischen Fortschritt und breite Klassenvielfalt in einem einzigen Event vereint.

Was sind Route du Rhum und Transat?

Unter dem Sammelbegriff Transat versteht man im Segelsport mehrere transatlantische Offshore-Regatten mit unterschiedlichem Charakter. Die wichtigsten im francophonen Raum sind:

  1. Route du Rhum – Destination Guadeloupe – Solo-Transatlantik von Saint-Malo (Bretagne) nach Pointe-à-Pitre (Guadeloupe), alle vier Jahre.
  2. Transat Jacques Vabre – Doublehand-Transatlantik von Le Havre nach Martinique, im Zweijahresrhythmus.
  3. Transat CIC (historisch auch Transat Anglaise) – Solo von Lorient oder Saint-Malo in Richtung Westindien, als Vorgängertradition eng mit der Route du Rhum verwoben.

Gemeinsam ist allen Formaten die Ost-West-Passage über den Atlantik, die enge Verbindung zur französischen Offshore-Kultur und die Nutzung als Qualifikations- und Show-Event für IMOCA-, Class-40- und Ultim-Segler. Im Gegensatz zum Vendée Globe endet die Strecke in der Karibik – es gibt keinen Rückweg und keine Weltumsegelung.

Die Route du Rhum im Kern

Die Route du Rhum wurde 1978 von Michel Etevenon ins Leben gerufen und benannt nach der historischen Rum-Handelsroute zwischen Frankreich und den französischen Überseegebieten in der Karibik. Start und Ziel symbolisieren die Verbindung zwischen der bretonischen Segeltradition und den Antillen.

  • Strecke: Saint-Malo → Atlantik (westwärts) → Passatwindzone → Guadeloupe (Pointe-à-Pitre)
  • Distanz: rund 3.500 bis 3.700 Seemeilen, abhängig von der gewählten Route südlich der Azorenhochdruckzone
  • Modus: Einzelhand, Non-Stop (keine Zwischenstopps erlaubt)
  • Rhythmus: alle vier Jahre (zuletzt 2022, nächste Ausgabe 2026)

Transatlantik-Offshore-Formate im Überblick

Solo Non-Stop

Route du Rhum, Transat CIC – Einzelhand über den Atlantik ohne Zwischenstopps.

Doublehand Non-Stop

Transat Jacques Vabre – zu zweit über den Atlantik, idealer IMOCA-Test vor dem Vendée Globe.

Etappen-Weltumsegelung

The Ocean Race – Abgrenzung: globale Etappen statt transatlantischer Non-Stop-Passage.

Geschichte und Meilensteine

Die Route du Rhum begann 1978 als Abenteuer-Regatta für Einzelhand-Skipper auf relativ kleinen Booten. In der ersten Ausgabe siegte Mike Birch auf dem Trimaran Olympus Photo – ein Signal, dass Multihulls auf der Transatlantik ernst zu nehmen sind. In den folgenden Jahrzehnten wuchs das Feld: von Open-50-Yachten über IMOCA 60 bis zu den heutigen Ultim-Trimaranen (32–40 Meter), die die Strecke in unter zwei Wochen bewältigen.

Route-du-Rhum-Meilensteine

1978
Erste Ausgabe – Mike Birch siegt auf Trimaran Olympus Photo
1982
Philippe Poupon – weiterer Meilenstein der frühen Jahre
1990
Michel Desjoyeaux – erster IMOCA-Sieger
2002
Michel Desjoyeaux – zweiter Sieg auf IMOCA
2014
Loïck Peyron auf Banque Populaire VII – Ultim-Rekord
2018
François Gabart – neuer IMOCA-Standard
2022
Yoann Richomme (IMOCA) / Thomas Coville (Ultim)
2026
Nächste geplante Ausgabe der Route du Rhum

Transat Jacques Vabre und die Doublehand-Tradition

Die Transat Jacques Vabre startete 1993 als Doublehand-Rennen von Le Havre nach Cartagena (Kolumbien), später nach Salvador da Bahia und schließlich Martinique. Sie findet im Zweijahresrhythmus statt und gilt als idealer Test für IMOCA- und Class-40-Teams vor dem Solo-Vendée-Globe-Zyklus. Die enge Zusammenarbeit an Bord, Watch-System und gemeinsame Reparaturen unter Druck machen sie zum Gegenpol zur einsamen Route du Rhum.

Die historische Transat (Observer Single-Handed Trans-Atlantic Race, OSTAR) prägte ab 1960 das europäische Einzelhand-Segeln und legte den Grundstein für Events wie Plymouth–Newport und später die Route du Rhum. Wer die Entwicklung des Einzelhand-Segelns nachvollziehen will, findet in der Transat-Tradition die Wurzeln moderner IMOCA-Karrieren.

Event
Start
Ziel
Modus
Typische Klassen
Rhythmus
Route du Rhum
Saint-Malo
Pointe-à-Pitre (Guadeloupe)
Solo, Non-Stop
Ultim, IMOCA 60, Class 40
alle 4 Jahre
Transat Jacques Vabre
Le Havre
Fort-de-France (Martinique)
Doublehand, Non-Stop
Ultim, IMOCA 60, Class 40
alle 2 Jahre
Transat CIC
Lorient / Saint-Malo
Karibik (variabel)
Solo
IMOCA, Class 40, Figaro
unregelmäßig
Vendée Globe (Vergleich)
Les Sables-d'Olonne
Les Sables-d'Olonne
Solo, Non-Stop, Welt
IMOCA 60
alle 4 Jahre

Bootsklassen und Flottenstruktur

Die Route du Rhum ist bekannt für ihre breite Klassenvielfalt. Am spektakulärsten sind die Ultim-Trimaraner (Klasse Ultim 32/23): Boote von 23 bis über 30 Metern Länge, die bei günstigem Wetter Tagesdistanzen von 700 Seemeilen und mehr erreichen. Dahinter folgen die IMOCA 60 – dieselbe Einhandklasse wie beim Vendée Globe – und die Class 40, die als Einstiegs-Offshore-Klasse für ambitionierte Amateure und Profis gilt.

IMOCA 60 und Class 40

IMOCA-Boote auf der Route du Rhum nutzen dieselbe technologische Basis wie bei IMOCA und neue Boote: Foils, breite Rümpfe, professionelle Shore-Teams und datengetriebenes Routing. Die Class 40 ist kleiner, günstiger und dennoch voll offshore-tauglich – Details unter Figaro 3 und Class 40.

Klassen auf der Route du Rhum im Vergleich

Klasse
Bootslänge
Typische Renndauer
Crew
Budget-Niveau
Höchstgeschwindigkeit
Ultim
23–40 Meter
unter 14 Tage
Solo
Spitzenklasse (Multimillionen)
40+ Knoten möglich
IMOCA 60
18,28 Meter
14–18 Tage
Solo
Profi-Standard
30–35 Knoten in Sturm
Class 40
12,19 Meter
18–25 Tage
Solo
Breitenklasse (zugänglicher)
20–25 Knoten

Ultim-Trimaraner an der Spitze

Seit Loïck Peyrons Sieg 2014 auf Banque Populaire VII dominieren die Ultimes die absolute Wertung. Sie segeln südlicher als Monohulls, nutzen ihre Geschwindigkeit in den Passatwinden und setzen neue Maßstäbe für Transatlantik-Zeiten. Für Zuschauer bedeutet das: Die ersten Boote erreichen Guadeloupe, während IMOCA-Favoriten oft noch in der Azoren-Phase oder im Doldrums-Kampf liegen.

Streckenführung und Taktik

Die transatlantische Passage von Saint-Malo nach Guadeloupe folgt einem klassischen Großkreis-Muster mit entscheidenden strategischen Phasen. Wer Routing und Wetterentscheidungen im Offshore-Segeln beherrscht, hat auf der Route du Rhum einen klaren Vorteil.

Die vier Phasen der Passage

  1. Start und Kanalmanagement – Saint-Malo: enge Startphase, Tidenströmung im Kanal, frühe Taktikentscheidungen nach Norden (Großbritannien/Irland) oder Süden (Biskaya).
  2. Azorenhoch und Depressionsroute – Entscheidung, wie weit südlich man das Azorenhoch umsegelt; zu weit nördlich bedeutet widersprüchliche Winde, zu weit südlich mehr Distanz.
  3. Passatwindzone – Ziel: möglichst schnell in stabile Ostwinde (Trade Winds) zwischen 20° und 30° nördlicher Breite einbiegen.
  4. Karibik-Ankunft – Letzte Tage durch die Inselgruppe der Kleinen Antillen, Windlähmung (Doldrums-Reste) und taktische Feinjustierung zum Ziel Pointe-à-Pitre.

Transatlantik-Routing Route du Rhum

1
Start Saint-Malo – enge Kanalphase und erste Routing-Entscheidung
2
Biskaya/Azoren-Entscheidung – südlicher Ultim-Kurs vs. IMOCA-Standardroute
3
Trade-Wind-Phase – stabile Passatwinde nutzen
4
Antillen-Anflug – letzte taktische Feinjustierung
5
Ziel Guadeloupe – Pointe-à-Pitre

Wetter und Routing-Software

Professionelle Teilnehmer arbeiten mit GRIB-Dateien, Polaren und Routing-Software – strategische Grundlagen dazu finden sich unter Küstennavigation und Taktik. Die Route du Rhum ist kürzer als ein Vendée-Globe-Etappenabschnitt, aber die Wetterfenster-Entscheidung in den ersten 48 Stunden kann den gesamten Rennverlauf prägen.

Wichtig: Die Azorenhoch-Entscheidung in Woche eins trennt Sieger und Verlierer – ein zu frühes Süden kostet Distanz, ein zu spätes Süden bedeutet Sturmrisiko im Nordatlantik.

Sicherheit, Regeln und Organisation

Wie alle großen Offshore-Events unterliegt die Route du Rhum strengen Sicherheitsvorschriften: Schwimmwesten, Liferaft, EPIRB, AIS, Grab Bag und für IMOCA/Ultim umfangreiche Konstruktions- und Ausrüstungsregeln. Der Veranstalter OC Sport Pen Duick (bzw. die Nachfolgeorganisation) setzt auf Live-Tracking, medizinische Betreuung in Saint-Malo und ein Netzwerk von Sicherheitsbooten auf See.

Im Vergleich zur Fastnet Race liegt der Fokus weniger auf Handicap-Wertung über gemischte Flotten, sondern auf Klassenwertungen innerhalb definierter One-Design- oder Box-Rule-Kategorien.

Checkliste: Was Teilnehmer vorbereiten müssen

  • Bootsklasse-Zulassung und Measurement abgeschlossen
  • Sicherheitsausrüstung gemäß Offshore-Spezifikation geprüft
  • Medizinische Tauglichkeit und Offshore-Erfahrung nachgewiesen
  • Routing-Strategie und Wetterbriefings vor Start erarbeitet
  • Autopilot, Instrumente und Sat-Kommunikation getestet
  • Proviant, Freeze-Dried und Notfall-Ernährung für 2–3 Wochen an Bord
  • Reparatur-Kit (Segel, Epoxy, Ersatzteile) vollständig
  • Versicherung und SAR-Koordination geklärt

Mediale Bedeutung und Zuschauerperspektive

Die Route du Rhum ist in Frankreich ein Medienereignis mit hoher Einschaltquote: Live-Tracking auf der Website, tägliche Video-Berichte, Helikopter-Aufnahmen beim Start in Saint-Malo und Empfang in Guadeloupe. Für internationale Segelfans bietet das Event eine zugänglichere Alternative zum Vendée Globe – kürzere Dauer, klares Start-Ziel-Narrativ und spektakuläre Ultim-Duelle.

Route du Rhum 2022: Über 130 Boote in mehreren Klassen am Start | IMOCA-Sieger: Yoann Richomme | Ultim-Sieger: Thomas Coville | Medienreichweite: Millionen Zuschauer in Frankreich und Übersee

Route du Rhum vs. andere Offshore-Klassiker

Die Route du Rhum ergänzt das Spektrum der Offshore- und Langstreckenregatten zwischen Einzelhand-Weltumsegelung und küstennahen Handicap-Rennen:

  • Kürzer als Vendée Globe, aber dieselbe Solo-IMOCA-Elite
  • Transatlantisch fokussiert, nicht global
  • Breitere Klassenvielfalt als reine IMOCA-Events
  • Französische Offshore-Kultur mit Karibik-Ziel – einzigartiges Flair

Tipp: Live-Tracking der Route du Rhum lohnt sich besonders in der Trade-Wind-Phase: Ultim und IMOCA trennen sich räumlich – ideal, um unterschiedliche Routing-Strategien zu vergleichen.

Bedeutung für Segler und Karrieren

Für IMOCA-Skipper ist die Route du Rhum oft Vorbereitung oder Zwischenziel im Vendée-Globe-Vierjahreszyklus. Ein starker Auftritt in Guadeloupe bringt Sponsoren, Medienpräsenz und Selbstvertrauen für die längere Solo-Weltumsegelung. Class-40-Segler nutzen das Rennen als Karrieresprungbrett Richtung IMOCA oder als Höhepunkt einer eigenen Offshore-Karriere.

Die Transat Jacques Vabre wiederum ist der Doublehand-Test: Viele spätere Vendée-Globe-Sieger segelten zuvor erfolgreich zu zweit über den Atlantik. Wer den Übergang vom Shorthanded-Segeln zum Solo verstehen will, findet in der Transat-Jacques-Vabre-Tradition das ideale Referenzformat.

Typische Herausforderungen an Bord

  1. Schlafmangel – Solo-Skipper arbeiten mit Mikroschlaf und Autopilot; Fehlentscheidungen durch Erschöpfung sind real.
  2. Materialstress – Zwei bis drei Wochen Dauerbelastung an Rigging, Foils und Elektronik.
  3. Isolation – Funkkontakt zu Land, aber keine physische Hilfe; psychische Belastung in der mittleren Atlantikphase.
  4. Wetterwechsel – Von stürmischer Biskaya zu windarmen Zonen und zurück zu böigen Passatwinden.

Die Route du Rhum ist kein Einstiegsrennen: Auch Class-40-Teilnehmer brauchen nachweisbare Offshore-Erfahrung, gültige Qualifikationen und ein seaworthy Boot.

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Letzte Aktualisierung: 4. Juli 2026