Etappen und Crew-Struktur

The Ocean Race – früher als Volvo Ocean Race bekannt – ist keine einzelne Passage, sondern eine Etappen-Weltumsegelung mit professionellen Teams, die über Monate hinweg nonstop Offshore-Legs und kurze In-Port-Races absolvieren. Wer das Rennen verstehen oder sich als Segler orientieren will, muss zwei Ebenen beherrschen: das Etappenformat mit Wertung und Stopovers sowie die Crew-Struktur mit Rollen, Watch-System und körperlicher Belastung. Beides unterscheidet The Ocean Race fundamental vom Einzelhand-Vendée Globe und von klassischen Offshore- und Langstreckenregatten mit Handicap-Wertung.

Das Etappenformat im Überblick

The Ocean Race folgt dem Modell einer Rund-um-die-Welt-Regatta mit Hafenstopps: Zwischen Gastgeberstädten segeln die Teams nonstop über Tausende Seemeilen. Jede abgeschlossene Etappe fließt als Elapsed Time in die Gesamtwertung ein – im Gegensatz zu olympischem Fleet Racing gibt es kein Streichergebnis. Zusätzlich können In-Port-Races Bonuspunkte oder Zeitgutschriften bringen, je nach Reglement der jeweiligen Edition.

Typischer Etappenzyklus The Ocean Race

1
Start Offshore-Leg
2
Non-Stop-Passage (5–25 Tage)
3
Zieleinlauf Host-Stadt
4
Stopover (Reparatur, Medien)
5
In-Port-Race
6
Neustart nächste Leg

Offshore-Legs: Das Herzstück des Rennens

Eine Offshore-Leg ist eine nonstop Passage zwischen zwei festgelegten Häfen. Typische Strecken führen über den Atlantik, den Südlichen Ozean (oft als „Southern Ocean Leg“ bezeichnet), den Pazifik und den Indischen Ozean zurück zum Ziel. Die Dauer variiert stark:

  1. Kurze Legs (z. B. europäische Küstentransfers): 3–7 Tage.
  2. Transatlantische Legs: 7–14 Tage je nach Route und Wetter.
  3. Southern-Ocean-Legs: bis zu 20–25 Tage nonstop bei extremer Kälte, Eisbergen und Sturmfronten.
  4. Pazifik- und Indik-Legs: 10–18 Tage, oft mit Doldrums-Passagen und Monsun-Einflüssen.

Entscheidend ist Routing: Teams nutzen GRIB-Wetterdaten, Polars und Routing-Software, um Windfenster und Strömungen optimal zu nutzen. Fehlentscheidungen kosten Stunden oder Tage – und damit direkt Plätze in der Gesamtwertung. Mehr zur strategischen Ebene unter Routing und Wetterfenster.

In-Port-Races und Stopovers

Nach jeder Offshore-Leg folgt ein Stopover in einer Host-Stadt – typischerweise 7 bis 14 Tage. In dieser Phase:

  • finden Reparaturen, Rigging-Checks und Materialwechsel statt;
  • absolvieren Crews Medientermine, Fan-Events und Sponsoren-Pflichten;
  • erholen sich die Segler physisch und mental vor der nächsten Leg.

Kurz vor dem Neustart der nächsten Offshore-Leg segeln die Teams meist ein In-Port-Race – ein 30- bis 60-minütiges Fleet-Race im Hafenbecken. Diese Rennen testen Bootshandling unter Druck und liefern Zuschauern spektakuläre Nahaufnahmen. Die Punkte oder Zeitgutschriften aus In-Port-Races können in einer knappen Gesamtwertung den Unterschied machen.

Etappen-Typ
Charakteristik
Typische Dauer
Wertung
Offshore-Leg
Non-Stop-Passage zwischen zwei Häfen
5–25 Tage
Elapsed Time – jede Sekunde zählt
In-Port-Race
Kurzes Fleet-Race im Hafenbecken
30–60 Minuten
Bonuspunkte oder Zeitgutschrift
Stopover
Hafenpause, Reparatur, Medienarbeit
7–14 Tage
Keine Segelzeit
Prologue
Optionaler Auftakt vor Leg 1
1–3 Tage
Je nach Reglement

Wichtig: Bei The Ocean Race zählt die Summe aller Etappenzeiten. Ein schlechtes In-Port-Race kann durch eine starke Offshore-Leg kompensiert werden – umgekehrt kann ein einziger Routing-Fehler im Südlichen Ozean eine ganze Edition kosten.

Crew-Struktur: VO65-Ära vs. IMOCA-Ära

The Ocean Race durchlief einen fundamentalen Wandel in der Crew-Größe und Bootsklasse. In der VO65-Ära (2014–2018) segelten bis zu acht Personen auf identischen One-Design-Yachten. Seit der Edition 2022–2023 starten IMOCA 60-Boote mit nur vier Seglern pro Yacht – eine Annäherung an die Einzelhand-Welt, aber weiterhin im Team-Format.

Merkmal
VO65 (2014–2018)
IMOCA 60 (ab 2022)
Crew-Größe
7–8 Segler
4 Segler
Bootstyp
One-Design (identische Boote)
Entwicklungsboote (klassengleich)
Spezialisierung
Grinder-Positionen, volle Watch-Rotation
Jeder Segler multipliziert Rollen
Watch-System
4 Stunden on / 4 Stunden off
Kürzere Watch-Schichten (3 h)
Gemeinsame Rollen
Skipper, Navigator
Skipper, Navigator

VO65-Ära: Acht Köpfe, klare Spezialisierung

Auf den Volvo Ocean 65-Yachten war die Arbeitsteilung stark spezialisiert. Typische Rollen:

  • Skipper / Race Director an Bord – finale taktische Entscheidungen, Crew-Führung, Sicherheit.
  • Navigator – Routing, Wetteranalyse, Polars, Kommunikation mit Shore-Team.
  • Helmsman / Driver – Steuern in allen Bedingungen, oft rotierend.
  • Trimmer (Groß, Vorsegel, Spinnaker) – Segeloptimierung, Manöverkoordination.
  • Grinder / Pit – Winschenarbeit, Mastmanöver, Spinnaker-Sets und Drops.
  • Media Crew Member / Onboard Reporter (OBR) – in früheren Editionen dedizierte Medienrolle.
  • Bowman – Arbeit an der B Bug, Fockwechsel, Leinenführung vorn.

Mit acht Personen war ein klassisches Watch-System möglich: Vier Stunden Wache, vier Stunden Ruhe – bei voller Besetzung aller Segelstationen. Die körperliche Belastung durch Grinding (Kurbelarbeit an den Winschen) war extrem; Profi-Grinder trainierten monatelang für die Volllast-Einsätze bei Spinnaker-Sets im Sturm.

IMOCA-Ära: Vier Segler, maximale Flexibilität

Seit 2022–2023 segeln vier Personen auf IMOCA 60-Yachten. Jedes Crew-Mitglied übernimmt mehrere Rollen gleichzeitig:

  1. Skipper – Gesamtverantwortung, Steuern, taktische Entscheidungen.
  2. Co-Skipper / Trimmer – Segelhandling, Backup-Steuern, Manöver.
  3. Navigator – Routing, Wetter, Instrumente, oft auch Winschenarbeit.
  4. Allrounder / Media – Pit, Bow, Medien, Wartung, Schlafmanagement.

Das reduzierte Team erfordert kürzere Watch-Zyklen (oft drei Stunden statt vier), weniger Schlaf pro Person und deutlich höhere psychische Belastung. Die IMOCA-Boote sind schneller und technischer – Reparaturen an Foils, Hydraulik und Rigging müssen von der Crew selbst durchgeführt werden, ohne dedizierten Mechaniker an Bord.

Rolle
VO65-Ära (7–8 Crew)
IMOCA-Ära (4 Crew)
Schwerpunkt
Skipper
1 dediziert
1 dediziert
Führung, Steuern, Sicherheit
Navigator
1 dediziert
1 dediziert (+ Winschen)
Routing, Wetter, Polars
Trimmer
2–3 spezialisiert
Alle Crew-Mitglieder
Segeloptimierung
Grinder / Pit
2–3 Vollzeit-Grinder
Rotierend, alle helfen
Winschen, Mastmanöver
Bowman
1 dediziert
Rotierend
Arbeit an der B Bug
Media / OBR
1 dediziert (früher)
Rotierend, nebenbei
Onboard-Berichterstattung

Mehr zu den grundsätzlichen Rollen im Regattasegeln finden Sie unter Crew-Rollen und Spezialisierungen.

Watch-System und Schichtplan an Bord

Auf einer Offshore-Leg von zwei oder drei Wochen ist Schlafmanagement überlebenswichtig – nicht nur für die Leistung, sondern auch für die Sicherheit. The-Ocean-Race-Crews arbeiten mit festen Watch-Systemen:

Klassisches Vier-Stunden-System (VO65)

  • Watch A und Watch B – je vier Personen.
  • Rotation: 4 Stunden aktiv, 4 Stunden Ruhe (Essen, Schlaf, Wartung).
  • Bei Manövern oder Sturm: All Hands on Deck – gesamte Crew wach.

Drei-Stunden-System (IMOCA)

  • Nur vier Personen – daher kürzere Schichten (3 h Wache, 3 h Ruhe).
  • Jede Person steuert, trimmt und navigiert im Schichtrhythmus.
  • Weniger Schlaf pro 24-Stunden-Zyklus – mentale Erschöpfung ist ein zentrales Risiko.

Watch-Rotation an Bord

1
Steuern
2
Trimming
3
Navigation / Winschen
4
Ruhe / Schlaf

Ausführliche Details zum Nachtsegeln und Watch-System finden Sie unter Nachtsegeln und Watch-System.

Shore-Team und Crew-Management

The Ocean Race ist kein reines Onboard-Rennen. Jedes Team unterhält ein Shore-Team an Land:

  • Routing-Cell – analysiert Wettermodelle, schlägt Kursoptionen vor.
  • Technik-Team – koordiniert Reparaturen im Stopover, liefert Ersatzteile.
  • Performance-Analysten – werten Polars, GPS-Daten und Segelkonfigurationen aus.
  • Medien- und PR-Team – organisiert Presse, Social Media, Fan-Events.

Die Kommunikation zwischen Boot und Land ist reglementiert: In früheren Editionen war ständiger Funkkontakt erlaubt; heute gelten strengere Regeln, um die sportliche Fairness zu wahren. Der Skipper trifft die finale Entscheidung – das Shore-Team liefert Daten, keine Befehle.

Tipp: Erfolgreiche The-Ocean-Race-Teams investieren monatelang in Crew-Building vor dem Start: gemeinsame Trainingsfahrten, Simulator-Training, Konflikt-Management und klare Kommunikationsregeln an Bord. Technik allein gewinnt keine Southern-Ocean-Leg.

Mehr zum langfristigen Crew-Management unter Langstrecken-Crew-Management.

Körperliche und mentale Anforderungen

Eine komplette The-Ocean-Race-Edition dauert 6 bis 9 Monate – je nach Bootsklasse und Streckenführung. Crew-Mitglieder müssen:

  • Ausdauer und Kraft für Grinding, Steuern und Winschen über Tage hinweg mitbringen.
  • Seekrankheit und Schlafmangel über Wochen kompensieren können.
  • Kälte und Hitze im Wechsel aushalten (Southern Ocean vs. Doldrums).
  • Teamkonflikte in beengten Quartieren konstruktiv lösen.

Belastung Offshore-Leg (14-tägige Leg, pro Crew-Mitglied): Schlaf: 4–5 Stunden pro 24 h | Kalorienverbrauch: 5.000–6.000 kcal/Tag | Winschen-Drehungen: bis zu 800 pro Tag (VO65-Grinder). IMOCA-Ära: weniger Grinder, mehr mentale Belastung.

Checkliste: Etappen und Crew verstehen

  • Offshore-Leg vs. In-Port-Race vs. Stopover unterscheiden können
  • Elapsed-Time-Wertung (kein Discard) kennen
  • Unterschied VO65 (7–8 Crew) vs. IMOCA (4 Crew) benennen
  • Watch-System (4 h vs. 3 h) und Schlafmanagement verstehen
  • Rollen: Skipper, Navigator, Trimmer, Grinder/Pit zuordnen
  • Bedeutung des Shore-Teams für Routing und Technik kennen
  • Southern-Ocean-Leg als entscheidende Phase identifizieren

Typische Etappen einer Edition (Beispiel 2022–2023)

Die konkrete Streckenführung variiert je Edition, folgt aber einem wiederkehrenden Muster:

  1. Leg 1 – Start in Europa (z. B. Alicante), Atlantik-Überquerung Richtung Kapverden oder Südamerika.
  2. Leg 2 – Transatlantisch oder Kap Hoorn-Umsegelung, oft erste Southern-Ocean-Berührung.
  3. Leg 3 – Southern Ocean Passage – häufig die längste und härteste Etappe.
  4. Leg 4 – Pazifik-Überquerung, Doldrums, tropische Bedingungen.
  5. Leg 5 – Indischer Ozean, Monsun-Einflüsse, enge Routing-Entscheidungen.
  6. Leg 6 – Rückkehr nach Europa oder Grand Finale im Zielhafen.

Entscheidungskette Skipper an Bord

1
Wetter-Update vom Navigator
2
Shore-Team-Empfehlung prüfen
3
Polars und Bootszustand bewerten
4
Crew-Energie einschätzen
5
Kursentscheidung
6
Manöver planen und kommunizieren

Fazit

Etappenformat und Crew-Struktur machen The Ocean Race zu einem einzigartigen Wettkampf: Nonstop-Passagen über Wochen wechseln sich mit Hafenstopps und In-Port-Races ab, während die Crew in Watch-Systemen arbeitet und Rollen je nach Bootsklasse stark variieren. Der Übergang von VO65 zu IMOCA hat das Rennen schneller, technischer und körperlich fordernder gemacht – bei gleichzeitig kleinerem Team. Wer The Ocean Race verfolgt oder sich beruflich orientiert, sollte beide Dimensionen – Routing auf den Legs und Menschenführung an Bord – gleichermaßen im Blick behalten.

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Letzte Aktualisierung: 4. Juli 2026