Volvo Ocean Race und The Ocean Race

Die Volvo Ocean Race und ihr Nachfolger The Ocean Race zählen zu den anspruchsvollsten Team-Offshore-Regatten der Welt. Anders als beim Einzelhand-Vendée Globe treten hier professionelle Crews auf identischen oder klassengleichen Hochleistungsyachten in mehreren Etappen um den Globus an – durch Stürme, Eiszonen und tropische Doldrums. Für Regattasegler ist das Rennen ein Leuchtturm im Offshore- und Langstreckenregatten-Segment: Es verbindet taktisches Routing, Crew-Management über Wochen hinweg und globale Medienpräsenz auf einem Niveau, das sonst nur der America's Cup und SailGP erreichen.

Geschichte: Von Whitbread zu The Ocean Race

Die Wurzeln reichen bis 1973 zurück, als die Whitbread Round the World Race erstmals gesegelt wurde – damals noch als kommerziell gesponserte Weltumsegelung mit gemischten Bootstypen und Handicap-Wertung. Ab der Ausgabe 2001–2002 übernahm Volvo Cars das Naming und prägte damit den Begriff Volvo Ocean Race, der über zwei Jahrzehnte zum Synonym für professionelles Team-Offshore-Racing wurde.

2019 kündigte der Veranstalter die Umbenennung in The Ocean Race an – nicht nur ein Rebranding, sondern Ausdruck einer erweiterten Mission: Nachhaltigkeit, Wissenschaft an Bord und stärkere Verzahnung mit der IMOCA-Welt. Die Edition 2022–2023 war die erste vollständige Runde unter dem neuen Namen und markierte den Übergang von der One-Design-Klasse VO65 zu IMOCA 60-Yachten im Hauptfeld.

Meilensteine The Ocean Race

1973
Whitbread Round the World Race
2001
Volvo Ocean Race (VO60/VO70)
2014–15
VO65 One-Design-Ära
2019
Umbenennung The Ocean Race
2022–23
IMOCA 60 im Hauptfeld

Warum der Namenswechsel?

  1. Breitere Markenidentität – unabhängiger vom Automobil-Sponsor, offen für neue Partner und Nachhaltigkeitsinitiativen.
  2. Strategische Ausrichtung – stärkere Verbindung zu UN-Ozean-Dekade, Klimaforschung und Bildungsprogrammen.
  3. Technologischer Brückenschlag – Integration der IMOCA-Klasse schafft Synergien mit dem Vendée Globe und der Einzelhand-Offshore-Szene.

Wichtig: Volvo Ocean Race und The Ocean Race bezeichnen dieselbe Event-Linie – historisch unter Volvo gesponsert, seit 2022–23 unter dem neutralen Markennamen The Ocean Race. In Fachkreisen werden beide Begriffe oft synonym verwendet.

Format und Wertung

The Ocean Race ist eine Etappen-Weltumsegelung: Teams segeln mehrere Offshore-Legs zwischen Host-Städten, legen in Häfen an und starten nach kurzen In-Port-Races erneut. Die Gesamtwertung summiert alle Etappenzeiten; schnellste Gesamtzeit gewinnt – kein Discard-System wie bei olympischem Fleet Racing.

Typischer Ablauf einer Edition

  1. Prologue / Pre-Race – optionaler Auftakt zur Medien- und Sponsor-Präsenz.
  2. Offshore-Legs – die Kernetappen über Tausende Seemeilen (Atlantik, Südlicher Ozean, Pazifik, Indischer Ozean).
  3. In-Port-Races – kurze Inshore-Rennen vor den Gastgeberstädten; Punkte fließen in die Gesamtwertung ein.
  4. Grand Finale – letzte Etappe und Siegerehrung im Zielhafen.
Element
Charakteristik
Wertungsrelevanz
Typische Dauer
Leg zwischen zwei Häfen
Non-Stop-Passage zwischen zwei Häfen
Elapsed Time – jede Sekunde zählt
5–25 Tage pro Leg
In-Port-Wettfahrt
Kurzes Fleet-Race im Hafenbecken
Bonuspunkte oder Zeitgutschrift je Edition
30–60 Minuten
Etappenpause im Hafen
Hafenpause, Reparatur, Medienarbeit
Keine Segelzeit – Crew-Erholung
7–14 Tage
VO65-Ära (2014–2018)
One-Design-Flotte, 7–8 Crew
Reine Elapsed-Time-Wertung
ca. 9 Monate Gesamt
IMOCA-Ära (ab 2022–23)
IMOCA 60, 4 Segler pro Boot
Elapsed Time + In-Port-Punkte
ca. 6 Monate Gesamt

Ablauf eines Etappen-Rennens

1
Start im Hafen
2
Offshore-Leg (Routing/Wetter)
3
Ankunft Stopover
4
In-Port-Race
5
Crew-Wechsel/Reparatur
6
Nächster Leg-Start

Bootsklassen: VO65 und IMOCA 60

Über Jahrzehnte wechselten die Bootstypen – von Handicap-Yachten über VO70 bis zur strikten One-Design-Ära mit der Volvo Ocean 65 (VO65). Seit 2022–23 segeln die Teams im IMOCA-60-Format, das enge Parallelen zur Einzelhand-Welt aufweist.

VO65 – Die One-Design-Ära

Die VO65 wurde speziell für die Volvo Ocean Race entwickelt: ca. 20 Meter Länge, Carbon-Rumpf, 7–8 Crew-Mitglieder, optimiert für schnelles Planen und harte Bedingungen im Südlichen Ozean. Alle Boote waren technisch identisch – Sieg durch Routing, Crew-Arbeit und Materialpflege, nicht durch Bootsbudget.

IMOCA 60 – Der neue Standard

Mit dem Wechsel zur IMOCA-Klasse öffnete The Ocean Race die Tür zur Einzelhand-Technologie: Foils, leichte Rümpfe, professionelle Skipper an Bord aus der IMOCA- und Vendée-Globe-Szene. Pro Boot segeln vier Personen – deutlich weniger als bei VO65, dafür höhere individuelle Verantwortung.

Kriterium
VO65 (2014–2018)
IMOCA 60 (ab 2022–23)
Länge
ca. 20 m (65 ft)
ca. 18,28 m (60 ft)
Crew-Größe
7–8 Segler
4 Segler
Bootstyp
One-Design (identische Boote)
IMOCA-Klasse (klassengleich, individuelle Boote)
Foiling
Nein (klassischer Kiel)
Ja (seit IMOCA-Generation)
Verbindung Vendée Globe
Keine direkte
Stark – gleiche Bootsklasse
Wachsystem
4-on-4-off oder ähnlich
Reduziert, höhere Belastung pro Person

Crew-Struktur und Rollen

Team-Offshore unterscheidet sich fundamental von Inshore-Regatten: Crews arbeiten in Watch-Systemen (Wachschichten), fahren bei Nacht und überstehen extreme Wetterlagen gemeinsam. Die Rollenverteilung ist klar definiert – Details finden sich im Artikel Etappen und Crew-Struktur.

Kernelemente der Crew-Organisation

  1. Skipper – Gesamtverantwortung für Sicherheit, Routing-Entscheidungen und Crew-Führung.
  2. Navigator / Strategist – Wetterrouting, GRIB-Analyse, Taktik auf Langstrecke.
  3. Spinnaker-Trimmer / Pit – Segelhandling, Mastarbeit, Reparaturen unterwegs.
  4. Media Crew Member (früher) – In der VO65-Ära oft dediziert; heute stärker integriert.
  5. Onshore-Team – Routing-Support, Wetterbriefings, Logistik in Stopover-Häfen.

Crew-Belastung: Offshore vs. Inshore

Aspekt
Offshore (The Ocean Race)
Inshore (Kurzregatten)
Watch-System / Schlafmangel
Hoch – Schichtdienst über Tage und Wochen
Niedrig – kurze Rennen, volle Crew an Deck
Körperliche Belastung
Extrem – Schwerwetter, Ermüdung, Materialstress
Moderat – begrenzte Renndauer
Entscheidungsdruck
Über Tage und Wochen – Routing, Sicherheit, Material
Über Minuten – taktische Manöver auf der Bahn

Watch-Systeme im Überblick

Typische Schichtmodelle bei VO65:

  • 4 Stunden on / 4 Stunden off – Standard bei hartem Wetter
  • 3-on-3-off – bei reduzierter Crew oder Reparaturarbeiten
  • All-hands – bei Segelmanövern, Schwerwetter oder Kenterungsgefahr

Bei IMOCA mit nur vier Personen entfällt die klassische Rotation teilweise zugunsten flexibler, aber intensiverer Schichtpläne – jeder Segler übernimmt mehrere Rollen gleichzeitig.

Taktik und Routing auf Langstrecke

Offshore-Routing ist das Herzstück jeder Etappe. Teams nutzen GRIB-Dateien und Wettermodelle, berücksichtigen Antarktis-Sturmgürtel, Doldrums-Querungen und Strömungen am Agulhas oder im Golfstrom.

Strategische Entscheidungsfelder

  1. Eisgate vs. Great-Circle-Route – kürzere Route durch riskantere Gewässer oder sicherer, aber längerer Weg.
  2. Sturmfronten mitsegeln oder ausweichen – Geschwindigkeitsgewinn gegen Materialrisiko.
  3. Taktische Optionen an Land – Katabatische Winde, Küsteneffekte, Gezeitströmungen.
  4. In-Port-Race-Vorbereitung – Bootszustand vs. Erholung der Crew vor Hafenrennen.

Tipp: Profis arbeiten mit dedizierten Onshore-Routern, die parallel zur Flotte GRIB-Updates auswerten. Amateurs können dieselben Prinzipien in kleinerem Maßstab für Offshore-Strategie auf eigenen Passagen anwenden.

Unterschied zu Vendée Globe und anderen Offshore-Rennen

The Ocean Race teilt das Offshore-DNA mit legendären Events, unterscheidet sich aber in zentralen Punkten:

Merkmal
The Ocean Race
Vendée Globe
Fastnet / Sydney Hobart
Teilnehmer
Professionelle Teams (4–8 Crew)
Einzelhand (1 Skipper)
Gemischt (Crew-Yachten)
Strecke
Weltumsegelung in Etappen
Non-Stop solo um die Welt
Einzelne Offshore-Passage
Stopovers
Ja, mit In-Port-Races
Nein (Disqualifikation bei Anlandung)
Nein
Bootsklasse
IMOCA 60 (aktuell)
IMOCA 60
ORC/IRC, diverse Klassen
Medienfokus
Sehr hoch, globale TV/Streaming
Hoch, besonders in Frankreich
Regional bis international

Warnung: Offshore-Team-Racing ist kein Einstiegsformat: Extreme Ermüdung, Schwerwetter und technische Ausfälle erfordern jahrelange Erfahrung, spezielle Ausbildung und professionelle Infrastruktur – auch wenn Amateurs gelegentlich als Guest Crew teilnehmen.

Nachhaltigkeit und Wissenschaft

Seit der IMOCA-Ära betont The Ocean Race stärker Umwelt- und Forschungsmissionen: Boote tragen Sensoren für Ozean-Daten, Partner sammeln Plastik-Proben, und Stopover-Events vermitteln Nachhaltigkeitsthemen. Das passt zur World Sailing Sustainability Agenda und hebt das Event über reines Sport-Entertainment hinaus.

The Ocean Race in Zahlen: 50+ Jahre Event-Geschichte | 45.000+ Seemeilen pro Edition | 4 Segler pro IMOCA-Boot | 6 Kontinente als Stopover-Gastgeber | Millionen Zuschauer via Live-Tracking

Berühmte Sieger und Skipper

Legendäre Namen prägten die Serie – von Conrad Humphrey und Grant Dalton über Charles Caudrelier (Sieger 2022–23 mit Team Malizia) bis zu deutschen Profis wie Boris Herrmann, der IMOCA-Expertise aus The Ocean Race in den Vendée Globe überträgt. Ein Überblick über prägende Persönlichkeiten steht im Artikel Volvo-Ocean-Race-Skipper.

Edition 2022–2023 – IMOCA-Debüt

Die Ausgabe 2022–23 startete in Alicante und führte über Kapstadt, Itajaí, Newport, Aarhus, Kiel und Den Haag zum Finale in Genua. Team Malizia (Charles Caudrelier) gewann die erste IMOCA-Runde – ein Meilenstein für die Verbindung zwischen Team- und Einzelhand-Offshore.

The Ocean Race für Zuschauer und Einsteiger

  1. Live-Tracking – alle Boote sind per AIS und Event-App weltweit verfolgbar; ideal zum Lernen von Routing-Entscheidungen.
  2. Stopover-Festivals – Hafen-Events mit In-Port-Races, Bootstouren und Meet-the-Crew-Formaten.
  3. Dokumentationen und Podcasts – Offshore-Legs werden intensiv audiovisuell begleitet.
  4. Youth- und Sustainability-Programme – Bildungsangebote für Nachwuchs und Schulen.

Häufige Fragen (FAQ)

Was ist der Unterschied zwischen Volvo Ocean Race und The Ocean Race?

Gleiche Event-Linie, Rebranding 2019 – historisch unter Volvo gesponsert, seit 2022–23 unter dem neutralen Markennamen The Ocean Race.

Welche Boote werden gesegelt?

Aktuell IMOCA 60; zuvor VO65 One-Design.

Kann man als Amateur mitsegeln?

Selten als Guest Crew; professionelle Qualifikation nötig.

Wie lange dauert eine Edition?

Ca. 6 Monate (IMOCA) bis 9 Monate (VO65-Ära).

Wann findet die nächste Runde statt?

Zyklus alle 3–4 Jahre; Termine beim Veranstalter prüfen.

Checkliste: The Ocean Race verstehen

  • Grundformat verstanden: Etappen-Weltumsegelung mit Stopovers
  • Unterschied VO65 vs. IMOCA 60 geklärt
  • Wertungssystem: Elapsed Time über alle Legs
  • Crew-Struktur und Watch-Systeme nachvollzogen
  • Abgrenzung zu Vendée Globe und Fastnet Race bekannt
  • Live-Tracking und Stopover-Kalender bookmarkt
  • Nachhaltigkeits- und Forschungsprogramme recherchiert

Karriereweg und Ausblick

The Ocean Race bleibt eine Elite-Karrierestufe im Offshore-Segeln – oft nach Erfahrung in ORC-Offshore, Figaro oder als Einzelhand-Vorbereitung. Der IMOCA-Wechsel senkt Crew-Kosten pro Boot, erhöht aber die Anforderungen an individuelle Leistung. Zukünftige Editionen dürften die Verzahnung mit Einzelhand-Events und Nachhaltigkeit im Segelsport weiter vertiefen.

Karriereweg Offshore-Profi

1
Club-Offshore
2
ORC/Figaro
3
Crew-Mitglied VO65/IMOCA
4
Skipper The Ocean Race
5
IMOCA-Einzelhand
6
Vendée Globe

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Letzte Aktualisierung: 4. Juli 2026