Gennaker und Code Zero
Asymmetrische Vorsegel haben das Regattasegeln revolutioniert. Während der klassische symmetrische Spinnaker auf engen Lee-Bahnen noch dominiert, setzen moderne Crews zunehmend auf Gennaker und Code Zero – Segel, die zwischen Fock und Spinnaker die Lücke schließen und auf breiten Kursen enorme Geschwindigkeitsvorteile liefern. Wer diese Segel beherrscht, gewinnt nicht nur auf der Downwind-Leg, sondern auch auf Reach-Kursen und in Leichtwindphasen, wo die Konkurrenz noch mit untermotivierter Fock segelt.
Dieser Leitfaden erklärt die Unterschiede zwischen Gennaker und Code Zero, die optimalen Einsatzbereiche nach Windwinkel, professionelle Set- und Drop-Sequenzen, Trim-Grundlagen und typische Fehler im Wettkampf. Er ergänzt Spinnaker-Set und Drop und knüpft an Wing-on-Wing und Gennaker-Set sowie VMG und Winkel optimieren an.
Was sind Gennaker und Code Zero?
Beide Segeltypen gehören zur Familie der asymmetrischen Vorsegel – sie haben keine identischen Luv- und Leeseiten wie ein symmetrischer Spinnaker und werden ohne Spinnakerbaum gefahren. Der Unterschied liegt in Schnitt, Material und Einsatzbereich.
Gennaker
Der Gennaker (auch A-Sail oder asymmetrischer Spinnaker) kombiniert Merkmale von Genua und Spinnaker. Er ist voluminös, aus leichtem Laminate oder Nylon gefertigt und für Raumwind bis fast am Wind geeignet. Typische Einsatzwinkel liegen zwischen 70 und 160 Grad AWA (Apparent Wind Angle). Auf Regattabahnen wird er nach der Windward-Marke gesetzt oder auf Reach-Kursen eingesetzt, wenn der Wind ausreichend von achter kommt.
Code Zero
Der Code Zero ist ein flacheres, straffer geschnittenes asymmetrisches Vorsegel aus Laminate oder strukturellem Dacron. Er wurde ursprünglich für das America's Cup entwickelt, um bei engen Regelwerken maximale Segelfläche bei scheinbar am-Wind-Kursen zu nutzen. Heute ist er Standard auf IRC- und ORC-Racern, J/70, Melges 24 und vielen Performance-Yachten. Der Code Zero fliegt bei AWA von etwa 40 bis 90 Grad – deutlich weiter am Wind als ein Gennaker.
Vergleich Windwinkel (AWA): Fock (30–60°), Code Zero (40–90°), Gennaker (70–160°), symmetrischer Spinnaker (90–180°). Die Bereiche überlappen je nach Bootstyp und Segelgröße – die richtige Wahl hängt vom aktuellen Kurs und der Windstärke ab.
Einsatzbereiche nach Windwinkel und Bootsklasse
Die richtige Segelwahl entscheidet über VMG und Bootsstabilität. Zu früh einen Gennaker zu setzen kostet Kontrolle; zu spät ein Code Zero zu bergen bremst auf Reach-Kursen.
Wichtig: Die Grenzen sind keine festen Regeln – Bootstyp, Seegang, Crew-Erfahrung und Streckenführung beeinflussen die Entscheidung. Profi-Crews entscheiden nach Live-Daten von AWA, TWS und Boots-SOG, nicht nach starren Tabellen.
Rigging und Beschäftigung an Bord
Asymmetrische Vorsegel benötigen ein angepasstes Rigging. Ohne korrekte Vorbereitung verlängern sich Set-Zeiten und das Risiko von Segelschäden steigt.
Furling-System vs. Turtle/Sack
Moderne Boote nutzen Furling-Systeme am Bug oder an der Bowsprit-Ausleger. Der Gennaker oder Code Zero wird um die Furler-Welle gewickelt und per Schot ausgerollt. Alternativ arbeiten kleinere Boote mit Turtle oder Sack – analog zum symmetrischen Spinnaker, aber ohne Baum.
Bowsprit und Tack-Punkt
Der Tack (Vorliek) wird am Bowsprit-Ende oder an einem Ausleger befestigt. Der Abstand zum Mast beeinflusst die Segelform: weiter vorne erzeugt mehr Volumen und Stabilität, weiter hinten erlaubt engere Winkel. Code-Zero-Systeme haben oft einen separaten, höher angesetzten Tack-Punkt für bessere Leinenführung am Wind.
Schoten und Halyard
- Halyard (Fall): Trägt das Segel am Mast; bei Furler oft als Anti-Torsion-Fall ausgeführt
- Sheet (Schot): Steuert die Segelform und den Anstellwinkel
- Tweaker oder Barberhauler: Verändert den Schotwinkel für Feintrim
- Cunningham (bei Code Zero): Verschärft die Vorderkante bei Böen
Gennaker-Set – Crew-Sequenz
Ein schnelles Gennaker-Set folgt derselben Choreografie wie ein asymmetrischer Spinnaker-Set, nur ohne Baumarbeit. Die Crew muss die Sequenz blind beherrschen.
Vorbereitung vor der Windward-Marke
- Furler oder Sack öffnen – Bowman prüft Schot und Tack auf Verhedderungen
- Halyard am Mast – Kopf am Haken oder Furler vorbereitet
- Schot frei – durch alle Blöcke, keine Knoten im Lauf
- Tack vorbereitet – Karabiner am Bowsprit, Ausleger gesichert
- Taktische Entscheidung – Gybe-Plan und Gate-Wahl kommuniziert
Set nach der Markenrundung
- „Gennaker hoist!“ – Mastmann/Pitman zieht das Segel hoch
- Furler ausrollen – Schot setzen, bis das Segel vollständig entfaltet ist
- „Made!“ – Bestätigung, Segel oben und ausgerollt
- Feintrim – Trimmer optimiert Schot, Tweaker und Kurs
- VMG-Optimierung – Abstimmung mit Steuerung und Taktiker
Code-Zero-Set auf Reach-Kursen
Der Code Zero wird häufig vor der Windward-Marke oder auf einer Reach-Leg gesetzt, wenn der Kurs zu eng für einen Gennaker, aber zu breit für die Fock ist.
- Kurs stabilisieren – AWA zwischen 50 und 80 Grad
- Fock bergen (optional) – um Segelkonflikte zu vermeiden
- Code Zero ausrollen – kontrolliert, ohne plötzlichen Heckschlag
- Großsegel trimmen – Twist und Ausgabe an Code Zero anpassen
- Feinabstimmung – Cunningham und Schot für maximale VMG
Drop und Berge-Manöver
Ein kontrollierter Drop ist genauso wichtig wie ein schnelles Set. Verhedderte Schoten oder ein Segel im Wasser kosten wertvolle Sekunden und können Material beschädigen.
Gennaker-Drop
- Furler-Drop: Schot locker, Segel per Furler einrollen – schnellste Methode
- Sack-Drop: Segel in Sack/Turtle einholen – Bowman und Pitman koordinieren
- Gybe-Drop: Drop während des Gybes, neues Vorsegel auf anderer Seite vorbereitet
Code-Zero-Berge
Der Code Zero wird meist per Furler geborgen. Wichtig: Schot erst locker, dann einrollen – sonst reißt die Furler-Welle oder das Laminate beschädigt sich. Bei starkem Wind zuerst Großsegel depowern, siehe Depower und Segel reduzieren.
Warnung: Ein Gennaker oder Code Zero, der ungeborgen in einer Böe steht, kann das Boot unkontrollierbar machen. Im Zweifel lieber früher bergen und VMG mit Fock/Groß halten, als Material zu riskieren.
Trim-Grundlagen für asymmetrische Vorsegel
Gutes Trimmen unterscheidet schnelle von mittelmäßigen Crews. Die Grundlagen gelten für Gennaker und Code Zero, mit unterschiedlichen Schwerpunkten.
Gennaker-Trim
Der Trimmer achtet auf:
- Schotlänge: Zu straff = eingedrückte Form, zu locker = instabile Flanke
- Tweaker-Winkel: Tieferer Winkel für mehr Power, höherer für mehr Kontrolle
- Kurs: Steuermann hält AWA im optimalen Fenster (meist 110–130 Grad für VMG)
- Großsegel: Muss dem Gennaker Luft geben – Ausgabe und Twist abstimmen
Code-Zero-Trim
Der Code Zero verhält sich näher an einer Fock:
- Vorderkante: Keine Falten, aber auch nicht überstrafft
- Schot: Feiner als beim Gennaker – kleine Änderungen haben große Wirkung
- Cunningham: Bei Böen aktivieren, um Power zu reduzieren
- Großsegel: Enger getrimmt als bei Gennaker-Einsatz
Tipp: Nutze die Telltales am Großsegel als Referenz: Wenn der Gennaker das Großsegel „erstickt“, ist die Schot zu straff oder der Kurs zu tief. Mehr dazu unter Telltales und Segelform.
Taktische Entscheidungen im Regatta-Kontext
Wann lohnt sich welches Segel? Die Antwort hängt von Streckenführung, Fleet-Position und Wetter ab.
Lee-Leg nach Windward-Marke
- Gennaker setzen, wenn AWA stabil über 90 Grad und genug Abstand zur Konkurrenz
- Code Zero behalten, wenn die Leg kurz ist und ein früher Gybe geplant wird
- Fock/Groß, wenn die Flotte eng ist und ein Set zu riskant wäre
Reach-Legs und Gate-Wahl
Auf Reach-Kursen zwischen Windward- und Leeward-Marke kann ein Code Zero die VMG deutlich steigern. Der Taktiker muss abwägen: Mehr Speed auf der Reach-Leg vs. längerer Drop vor der nächsten Markenrundung.
Leichtwind-Strategie
In Flaute-Phasen maximiert der Code Zero die Segelfläche effizient – ein Thema, das auch Segelfläche maximieren vertieft. Crews, die in 5–8 kn Wind einen Code Zero fliegen lassen, überholen oft Boote, die mit untermotivierter Fock kämpfen.
VMG-Vorteil asymmetrischer Vorsegel: Bei 10 kn TWS liefert der Code Zero bei AWA 60° etwa 15–25 % mehr VMG gegenüber Fock/Groß allein; der Gennaker bei AWA 120° etwa 20–35 % mehr VMG. Die genauen Werte hängen von Bootsklasse und Trim ab.
Crew-Rollen und Kommunikation
Asymmetrische Vorsegel erfordern dieselbe Präzision wie symmetrische Spinnaker-Manöver. Klare Kommandos und Rollen sind Pflicht.
Die Gewichtsverteilung der Crew beeinflusst die Stabilität – bei Gennaker-Einsatz in Böen nach achtern verlagern, siehe Hiking und Trapeze.
Checkliste: Gennaker und Code Zero im Training
Vor dem ersten Regatta-Einsatz sollte die Crew folgende Punkte abhaken:
- Furler dreht frei in beide Richtungen, Tack-Karabiner gesichert
- Set-Sequenz mindestens 20 Mal geprobt (Ziel: unter 12 Sekunden Set-Zeit)
- Drop in allen Varianten geübt (Furler, Sack, Gybe-Drop)
- Windwinkel-Grenzen für beide Segel im Team bekannt
- Kommunikation: Einheitliche Kommandos („Hoist“, „Made“, „Drop“, „Furl“)
- Notfall: Berge bei Böe ohne Diskussion – Skipper-Entscheid
- Material-Check: Risse, abgenutzte Furler-Welle, Schot-Enden
- Taktischer Plan: Wann Gennaker, wann Code Zero, wann Fock/Groß
Typische Fehler und wie man sie vermeidet
- Zu früher Gennaker-Set – Boot noch nicht auf Lee-Kurs, Segel schlägt um oder verheddert sich im Rigging. Lösung: Erst Kurs stabilisieren, dann hoist.
- Code Zero zu weit am Wind – AWA unter 40 Grad erzeugt Überlastung und Heckschlag. Lösung: Kurs fallen lassen oder Fock setzen.
- Schot zu straff beim Einrollen – Furler-Welle oder Laminate beschädigt. Lösung: Schot vor dem Furl komplett locker.
- Fehlende Crew-Kommunikation – Zwei Personen ziehen gleichzeitig an verschiedenen Leinen. Lösung: Pitman als einzige Koordinationsstelle.
- Falsche Segelwahl in der Flaute – Gennaker bei 6 kn statt Code Zero. Lösung: AWA und TWS live bewerten, nicht am Vorabend festlegen.
- Drop vernachlässigt im Training – 80 % der Trainingszeit auf Set, 20 % auf Drop. Profis trainieren Drop und Set im Verhältnis 50:50.
Häufige Fragen
- Kann ich Gennaker und Code Zero gleichzeitig führen? – Nein, nur ein aktives Vorsegel.
- Brauche ich einen Bowsprit? – Empfohlen für Performance-Boote.
- Welches Segel bei 12 kn, AWA 100°? – Gennaker.
- Code Zero am Wind? – Nur bis ca. 75° AWA.
- Furler oder Sack? – Furler schneller, Sack günstiger.
Materialwahl und Wartung
Segeltyp und Material beeinflussen Haltbarkeit und Performance. Details zu Laminate vs. Dacron finden sich unter Segeltypen und Einsatzbereiche.
- Gennaker: Oft Nylon oder leichtes Laminate, mehr Volumen, empfindlicher bei UV
- Code Zero: Strukturelles Laminate oder Dacron, längere Lebensdauer bei häufigem Einsatz
- Wartung: Nach jedem Regatta-Tag Furler spülen, Schoten auf Abnutzung prüfen, Segel trocken und faltenfrei lagern