Wing-on-Wing und Gennaker-Set
Wing-on-Wing und das Gennaker-Set gehören zu den entscheidenden Downwind-Fähigkeiten im Regattasegeln. Auf der Lee-Leg nach der Windward-Mark entscheidet sich, ob du sofort Geschwindigkeit aufbaust oder wertvolle Bootslängen verschenkst. Wer beide Techniken beherrscht, kann in Leichtwind mit Groß und Vorsegel stabil und schnell segeln – und bei zunehmendem Raumwind rechtzeitig auf den Gennaker wechseln, ohne Chaos an Bord.
Dieser Leitfaden erklärt die technischen Grundlagen, die optimale Crew-Koordination und typische Regatta-Situationen. Er ergänzt den Überblick unter Downwind-Segeln und knüpft an VMG und Winkel optimieren sowie Gennaker und Code Zero an.
Was Wing-on-Wing bedeutet
Wing-on-Wing (auch „Goosewing“ oder „Hinter-Wind-Segeln“) beschreibt die Konfiguration, bei der Groß und Vorsegel auf gegenüberliegenden Seiten stehen: Das Großsegel wird auf der Luvseite ausgelegt, die Fock oder das kleine Vorsegel auf der Leeseite. Der Wind fließt zwischen beiden Segeln hindurch und erzeugt eine große, stabile Segelfläche – ideal, wenn der Wind fast von achtern kommt und kein Spinnaker oder Gennaker gesetzt ist.
Typische Einsatzbedingungen:
- True-Wind-Angle (TWA) zwischen 150° und 180°
- Leicht- bis mittleres Wind (ca. 4–14 Knoten, klassenabhängig)
- Direkter Kurs zum Ziel oder zur nächsten Markierung
- Situationen, in denen ein Gennaker-Set noch zu riskant oder laut Regelwerk nicht erlaubt ist
Die Begriffsgrundlagen zu Raum-Wind findest du unter Am-Wind und Raum-Wind.
Wing-on-Wing Draufsicht: Draufsicht auf ein Kielboot von oben – Windpfeil von oben nach unten, Boot in der Mitte. Großsegel auf Backbord (Luv), Vorsegel auf Steuerbord (Lee), Wind fließt zwischen den Segeln. Beschriftung: „Groß to windward – Fock to leeward“. Pfeile für Windrichtung und Bootskurs zum Ziel.
Vorteile und Risiken
Wing-on-Wing liefert in Leichtwind oft die höchste VMG ohne zusätzliches Vorsegel. Die Crew muss jedoch drei zentrale Risiken im Blick behalten:
- Unkontrollierte Luv-Drehung (Accidental Gybe) – Das Großsegel kann plötzlich über Bord gehen, wenn der Wind von hinten leicht auf die andere Seite dreht.
- Boom-Schlag – Bei ungesichertem Baum und plötzlichem Windwechsel droht Verletzungsgefahr.
- Instabilität bei Böen – Das Boot neigt zum Broach, wenn zu viel Segelfläche bei unzureichendem Gegengewicht steht.
Wichtig: Wing-on-Wing erfordert immer eine aktive Baum-Sicherung (Boom-Vang, Preventer oder Backing-Main) und klare Kommunikation zwischen Steuermann und Trimmer. Ohne diese Maßnahmen ist die Technik im Wettkampf nicht vertretbar.
Wing-on-Wing vs. Gennaker – wann welche Option?
Nicht jede Downwind-Leg beginnt mit einem Gennaker. Die Entscheidung hängt von Windstärke, Bootsklasse, Streckenführung und Flottenposition ab. Steuermann und Taktiker wählen nach dem Prinzip der maximalen VMG – nicht nach Gewohnheit.
Warnung: Ein zu frühes Gennaker-Set bei Böen und unruhiger See kostet mehr als ein sicheres Wing-on-Wing. Lieber eine Leg stabil segeln als mit halb gesetztem Segel die Kontrolle verlieren.
Wing-on-Wing richtig trimmen
Erfolgreiches Wing-on-Wing ist Trim-Arbeit, nicht nur Steuerkunst. Die wichtigsten Hebel:
Großsegel-Trim
- Baum-Höhe: Nicht zu tief – sonst blockiert das Groß den Windweg zur Fock
- Baum-Vang: Fest genug, um einen Accidental Gybe zu verhindern; nicht so straff, dass das Segel die Form verliert
- Traveller: Lee-seitig positionieren, um den Druckpunkt zu stabilisieren
- Backstay: Je nach Rig-Konzept leicht lockern für mehr Körper im Groß
Vorsegel-Trim
- Fock-Sheet: Kontinuierlich nachführen – zu straff und das Boot giert; zu locker und die Fock kollabiert
- Ausfallschoten: Auf der Leeseite ausfahren, damit die Fock weit genug vom Groß wegsteht
- Windward-Sheet: Bei einigen Riggs die Fock auf der Luvseite vorbereiten, bevor auf Wing-on-Wing gewechselt wird
Crew-Position
In Leichtwind sitzt die Crew oft windwärts für Stabilität und bessere VMG. In mehr Wind wandert Gewicht nach achtern und zur Lee-Seite, um Broach-Risiko zu reduzieren. Die Rollenverteilung entspricht dem Muster unter Trimmer und Vorsegler.
Tipp: Übe den Übergang von normalem Downwind (Groß und Fock auf derselben Seite) zu Wing-on-Wing in ruhigen Bedingungen. Der Wechsel unter Regatten-Druck gelingt nur, wenn jede Handlung automatisiert ist.
Gennaker-Set – Ablauf und Crew-Rollen
Das Gennaker-Set ist das zentrale Manöver beim Übergang von Wing-on-Wing oder Fock-Segeln zum asymmetrischen Vorsegel. Ein sauberes Set kostet 15–30 Sekunden; ein schlechtes kostet eine ganze Leg. Die Sequenz orientiert sich am symmetrischen Spinnaker-Set und Drop, benötigt aber keinen Spinnakerbaum.
Standard-Set-Sequenz (Kielboot mit 4–6 Crew)
- Vorbereitung (vor der Windward-Mark): Gennaker aus dem Sack, Leinen entwirrt, Tack und Sheet am richtigen Bug fixiert, Kommunikationsplan mit Steuermann bestätigt.
- Halseinleitung: Steuermann ruft „Gennaker-Set in … Sekunden“ – Crew positioniert sich, Groß wird für den Set-Kurs vorbereitet.
- Tack und Sheet sichern: Pitman oder Mastmann fixiert Tack am Bug; Gennaker-Sheet läuft frei durch die Blöcke.
- Segel einholen: Bowman zieht den Gennaker aus dem Sack oder vom Deck; Vorsegler führt das Luff.
- Entfalten und setzen: Segel wird gezogen, bis das Luff straff steht; Sheet wird zugezogen, während der Steuermann Kurs hält.
- Trim und VMG: Gennaker-Trimmer arbeitet Sheet und Tweaker; Taktiker bestätigt VMG-Kurs gemäß Kurse und VMG.
- Groß anpassen: Groß-Trimmer reduziert Überlappung, Traveller und Vang werden für die neue Konfiguration gesetzt.
Crew-Rollen im Überblick
Übergang Wing-on-Wing zum Gennaker
Der fließende Übergang ist eine häufige Regatta-Situation: Leichtwind am Anfang der Leg, zunehmender Wind oder besserer Kurswinkel machen den Gennaker sinnvoll. Zwei etablierte Varianten:
Variante A: Set aus Wing-on-Wing
- Groß bleibt vorerst auf der Luvseite
- Fock wird eingeholt oder auf die windwärtige Seite gelegt
- Gennaker wird auf der Leeseite gesetzt
- Groß wird nach dem Set auf die normale Downwind-Position getrimmt
Variante B: Erst Halse, dann Set
- Steuermann halsst kontrolliert auf den Set-Kurs
- Groß und Fock werden auf die neue Lee-Seite gebracht
- Gennaker wird gesetzt, während das Boot noch Fahrt hat
- Geeignet bei stärkerem Wind und planenden Booten
Details zu kontrollierten Halsen findest du unter Roll-Tack und Roll-Gybe.
Typische Fehler und wie du sie vermeidest
Die häufigsten Fehler kosten auf der Lee-Leg mehr Bootslängen als jede Taktikentscheidung:
- Set in zu wenig Wind: Gennaker kollabiert, Boot verliert Fahrt – Wing-on-Wing wäre schneller gewesen
- Set in zu viel Wind ohne Vorbereitung: Wrap oder Broach unmittelbar nach dem Set
- Fehlende Kommunikation: Bowman setzt, während Pitman noch an der falschen Leine arbeitet
- Groß blockiert Gennaker: Überlappendes Groß verhindert sauberes Luff
- Preventer vergessen: Wing-on-Wing ohne Baum-Sicherung endet oft im Accidental Gybe
Häufige Fragen
- Ab welchem Wind lohnt der Gennaker statt Wing-on-Wing? – Klassenabhängig, meist ab 8–10 kn TWS.
- Brauche ich einen Spinnakerbaum für den Gennaker? – Nein, asymmetrische Vorsegel fliegen am Bug-Tack.
- Kann ich Wing-on-Wing bei 20 Knoten segeln? – Nur mit erfahrener Crew und starker Baum-Sicherung; meist Gennaker oder nur Groß.
- Wann ist der beste Set-Zeitpunkt nach der Windward-Mark? – Wenn Kurs und Windwinkel stabil sind, nicht mitten in der Rundung.
- Was tun bei Gennaker-Wrap? – Sheet sofort lösen, Boot bearbeiten, nicht weiter zuziehen.
Checkliste für Regatta und Training
Vor der Windward-Mark
- Windstärke und Böen für Segelwahl (Wing-on-Wing vs. Gennaker) abgestimmt
- Gennaker aus Sack, Tack und Sheet am Bug fixiert
- Alle Leinen entwirrt, Kommunikationsplan besprochen
- Baum-Sicherung für Wing-on-Wing vorbereitet (Preventer/Vang)
- VMG-Zielkurs mit Taktiker abgestimmt
Während Wing-on-Wing
- Baum-Sicherung aktiv und geprüft
- Fock-Sheet kontinuierlich nachgeführt
- Crew-Gewicht windwärts bei Leichtwind, achtern bei Böen
- Winddrehungen beobachten – Accidental Gybe vermeiden
- Set-Zeitpunkt für Gennaker kommuniziert
Beim Gennaker-Set
- Steuermann hält stabilen Set-Kurs
- Tack gesichert, bevor Sheet belastet wird
- Luff straff, keine Falten im Luff-Tape
- Groß-Trimmer räumt Überlappung frei
- VMG-Kurs unmittelbar nach Set überprüft
Trainingsprogramm Wing-on-Wing und Gennaker
- Wing-on-Wing in steigender Windstärke
- Preventer-Übung mit absichtlichem Windwechsel
- Gennaker-Set aus verschiedenen Kursen
- Set unter Zeitdruck (30-Sekunden-Ziel)
- Übergang Wing-on-Wing zu Gennaker
- Kontrolliertes Drop vor Leeward-Gate
- VMG-Vergleich Wing-on-Wing vs. Gennaker mit GPS
- Crew-Rotation aller Positionen