AC75 und moderne Foiling-Technologie
Der AC75 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des America's Cup: Zum ersten Mal segeln Monohulls im höchsten Segelwettbewerb der Welt dauerhaft auf Foils – mit Geschwindigkeiten, die frühere Cup-Generationen und selbst die AC50-Katamarane in den Schatten stellen. Die 75-Fuß-Yachten verbinden die Tradition des Einrumpfboots mit der Radikalität moderner Foiling-Technologie und haben den Profisegelsport technologisch, taktisch und medial neu definiert.
Was ist die AC75-Klasse?
Die AC75 (America's Cup 75) ist eine One-Design-Regatta-Klasse, die speziell für den 36. America's Cup (2021 in Auckland) und die 37. Ausgabe (2024 in Barcelona) entwickelt wurde. Im Gegensatz zu früheren Cup-Generationen mit Katamaranen (AC45, AC50) kehrt die Klasse zum Monohull zurück – allerdings zu einem, der nur noch punktuell das Wasser berührt.
Kerndaten auf einen Blick
Die Klasse wurde als Kompromiss entworfen: spektakulär für TV, technologisch anspruchsvoll und sicherheits- sowie kostenkontrolliert.
AC75 vs. AC50 vs. klassische Monohulls
Die AC75 bildet den goldenen Mittelweg: schneller als IACC-Monohulls, langsamer als AC50-Katamarane, aber visuell einzigartig durch die Monohull-Silhouette im Flug.
Die Revolution: Foiling mit einem Rumpf
Warum Monohull und nicht Katamaran?
Nach den AC50-Katamaranen bei Bermuda 2017 entschied sich der Cup für einen foilenden Monohull – aus drei Gründen: klassische Silhouette bei Foiling-Speed, höhere technische Herausforderung als beim Katamaran, und taktische Nähe im Match Racing auch bei hohen Geschwindigkeiten.
Canting T-Foils: Das Herzstück der AC75
Die Canting T-Foils sind das technologische Herzstück der AC75. Anders als bei fest montierten Foils können die Tragflügel seitlich aus dem Rumpf geschwenkt werden:
- Windseitiges Foil wird typischerweise eingefahren oder minimiert, um Drag zu reduzieren.
- Leeseitiges Foil trägt den Großteil des Auftriebs und stabilisiert das Boot im Flug.
- Canting-Winkel wird hydraulisch verstellt – eine der anspruchsvollsten Aufgaben für die Crew und das Flight-Control-System.
Die Foils bestehen aus hochfestem Carbon und werden unter enormen Belastungen betrieben. Schon kleinste Beschädigungen an der Kante oder am Profil können den Auftrieb massiv beeinträchtigen – deshalb gehört die Foil-Wartung zum täglichen Ritual jedes Syndikats.
Foil-Steuerung im Rennen
- Windanalyse – Bedingungen und Foil-Strategie festlegen
- Foil-Auswahl – Welches Foil aktiv, welches minimiert
- Canting-Winkel setzen – Hydraulische Verstellung für Auftrieb
- Flight Control stabilisieren – Höhe und Roll im Flug halten
- Manöver (Tack/Gybe) – Foils und Segel koordiniert umstellen
- Neukalibrierung nach Manöver – Stabilen Flug wiederherstellen
Soft-Wing und Segeltechnologie
Twin-Skin-Mainsail
Das Großsegel der AC75 ist kein klassisches Stoffsegel und keine harte Wingsail wie bei früheren Katamaranen. Stattdessen nutzt die Klasse ein Twin-Skin-Mainsail – zwei Segellagen, die ein profiliertes Profil bilden, ähnlich einem Flugzeugflügel:
- Höherer Antrieb bei gleicher Segelfläche im Vergleich zu Soft-Sails.
- Präzisere Formkontrolle durch Trimm und Hydraulik.
- Geringere Reibung als feste Wingsails – leichter und reparierbarer.
Das Vorsegel (Jib) wird je nach Windstärke und Kurs gewechselt. In engen Match-Race-Duellen entscheidet oft die richtige Segelkombination über Boatspeed und Manövrierfähigkeit.
Hydraulik und Grinder
Alle beweglichen Elemente – Foils, Segel, Ruder – werden über hydraulische Systeme betrieben, die von den Grindern per Handkurbel (Handgrinders) oder über ergometrische Stationen (Cycling Grinders) mit Energie versorgt werden. Es gibt keine Motoren während des Rennens; jede Watt Leistung stammt aus der Crew.
Wichtig: Beim AC75 ist die Crew nicht nur Segler, sondern auch Energieerzeuger. Grinder-Performance entscheidet direkt darüber, wie schnell Foils und Segel reagieren – und damit über Sieg oder Niederlage.
Flight Control: Fliegen auf dem Wasser
Flight Control im Flug
Ein foilendes Boot ist instabil. Die Flight Control hält es in der Luft:
- Höhenregelung – Zu hoch: Stall-Risiko. Zu tief: Rumpf im Wasser, massiver Drag.
- Roll-Stabilität – Kippen wird über Foil-Canting, Crew-Gewicht und Ruder ausgeglichen.
- Pitch-Kontrolle – Bug- vs. Heck-Höhe beeinflusst Auftrieb und Manövrierbarkeit.
Moderne AC75 nutzen Sensoren und Echtzeit-Daten (innerhalb der Class Rules). Der Flight Controller arbeitet eng mit dem Steuermann – Koordinationsfehler führen binnen Sekunden zu Speed-Verlust oder Capsize.
Geschwindigkeitsentwicklung AC75: Durchschnittsgeschwindigkeit im Rennen 2021 Auckland ca. 35–40 Knoten, Spitzenwerte über 53 Knoten (Emirates Team New Zealand). Zum Vergleich: AC50 Bermuda 2017 ca. 45 Knoten Spitze, klassische IACC ca. 12–15 Knoten.
Manöver im Foiling-Modus
Tacks und Gybes auf Foils
Die Foiling-Tacks und Foiling-Gybes gehören zu den spektakulärsten Momenten im AC75-Racing. Ein Tack auf Foils bedeutet:
- Geschwindigkeit reduzieren, aber Foiling-Modus halten.
- Foils umstellen – aktives Foil wechseln.
- Segel durch Zwindung bringen.
- Sofort wieder beschleunigen und in den stabilen Flug zurückfinden.
Teams, die Manöver in unter 30 Sekunden sauber ausführen, gewinnen entscheidende Bootslängen. Fehlerhafte Tacks kosten 100 Meter und mehr – bei Match-Racing oft das Rennen.
Pre-Start und niedrige Geschwindigkeiten
In der Startphase, bei wenig Wind oder in Hafen-Manövern liegt die AC75 im Displacement-Modus – der Rumpf ist im Wasser. Hier zeigt sich die Dualität der Klasse: Das Boot muss sowohl langsam manövrierbar als auch bei hohem Wind extrem schnell sein. Die Übergänge zwischen den Modi sind kritische Trainingsinhalte.
Tipp: Beobachter sollten beim Live-Tracking besonders auf die Übergangsphasen achten: Teams, die früh und sauber auf Foils gehen, gewinnen oft schon auf der ersten Bein-Leg.
AC40 als Schwesterklasse
Die AC40 (40 Fuß) dient Training, Jugend- und Women's America's Cup. Sie überträgt Canting-T-Foil-Prinzipien auf vier Crew-Mitglieder – ein Technologietransfer-Fahrzeug für den Nachwuchs vor dem Wechsel in große Syndikate.
36. Cup Auckland 2021 vs. 37. Cup Barcelona 2024
Auckland und Barcelona
Beim 36. Cup in Auckland dominierte Emirates Team New Zealand mit überlegener Flight Control. Für Barcelona 2024 entwickelten mehr Herausforderer – INEOS Britannia, Luna Rossa, Alinghi – ihre Foils, Hydraulik und Soft-Wings weiter. Andere Wind- und Wellenbedingungen machten die 37. Ausgabe zum harten Test für Design-Anpassungsfähigkeit.
AC75-Entwicklung im Zeitverlauf
Vergleich mit SailGP F50
Wer SailGP und die F50-Katamarane kennt, erkennt Parallelen bei Foiling und Geschwindigkeit. Unterschiede liegen in Format und Philosophie:
Checkliste: AC75-Technologie verstehen
Für Einsteiger und Regatta-Interessierte – die wichtigsten Konzepte auf einen Blick:
- Foiling-Grundlagen – Was ist Take-off, was ist Flight Control?
- Canting T-Foils – Warum schwenkt das Foil seitlich?
- Twin-Skin-Mainsail – Wie unterscheidet sich Soft-Wing von klassischem Segel?
- Grinder-System – Woher kommt die Energie für Hydraulik?
- Crew-Rollen – Wer steuert, wer fliegt, wer trimmt?
- Manöver – Wie funktionieren Foiling-Tacks und -Gybes?
- Match-Racing-Kontext – Warum zählt jede Bootslänge im Duell?
- AC40 – Wie hängen Nachwuchs und Hauptklasse zusammen?
Zukunft der Foiling-Technologie im Cup
Der America's Cup bleibt Innovationsmotor für den Segelsport: Carbon-Foils, Flight-Control-Software und Soft-Wing-Konstruktionen wirken auf America's-Cup-Boote und zukünftige Klassen. Diskutiert werden größere Formate (AC85) und präzisere Design-Regeln – der Cup testet weiter die Grenzen des Foiling.
Warnung: Foiling-Technologie auf AC75-Niveau ist nicht für Freizeitsegler gedacht – Sicherheitsrisiken, Kosten und Regelwerke machen diese Boote Profi-Domain.
Häufige Fragen (FAQ)
Wie schnell segelt eine AC75?
Spitzengeschwindigkeiten über 50 Knoten sind in optimalen Bedingungen möglich – schneller als die meisten Motorboote.
Warum Monohull statt Katamaran?
Tradition trifft Spektakel: Die AC75 verbindet die klassische Silhouette eines Einrumpfboots mit Foiling-Geschwindigkeiten und technischer Herausforderung.
Wie viele Segler sind an Bord?
Acht Kernsegler plus zusätzliche Rollen je nach Regelwerk – jeder mit spezialisierter Aufgabe von Grinding bis Flight Control.
Was kostet ein AC75-Programm?
Programmkosten liegen im dreistelligen Millionenbereich – Design, Bau, Crew und mehrjährige Vorbereitung machen den Cup zum teuersten Segelwettbewerb der Welt.
Wie kann man AC75-Rennen verfolgen?
Live via TV, Streaming und Onboard-Kameras – Flight Control, Foiling-Manöver und Match-Racing-Taktik werden für Zuschauer sichtbar gemacht.
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Letzte Aktualisierung: 4. Juli 2026