Foiling-Tacks und Gybes

Foiling-Tacks und Foiling-Gybes sind die anspruchsvollsten Kurswechsel im modernen Regattasegeln. Anders als bei klassischen Displacement-Booten geht es nicht nur darum, schnell durch den Wind oder über den Wind zu drehen – entscheidend ist, die Flugphase möglichst kurz zu unterbrechen und nach dem Manöver sofort wieder auf dem Tragflügel zu fliegen. Wer das beherrscht, gewinnt auf Windward-Leeward-Kursen mehrere Bootslängen pro Runde.

Dieser Leitfaden erklärt Physik, Technik und Crew-Koordination für Foiling-Klassen wie Nacra 17, IQFoil, Moth und America's-Cup-Boote. Er ergänzt den Überblick unter Wenden und Halsen und baut auf den Grundlagen aus Was ist Foiling auf.

Warum Foiling-Manöver anders sind

Beim klassischen Segeln verliert das Boot in der Totkalm-Phase Fahrt und muss diese nach dem Kurswechsel neu aufbauen. Beim Foiling gilt: Jede Sekunde mit dem Rumpf im Wasser kostet massiv VMG. Der Tragflügel braucht Geschwindigkeit und korrekten Anstellwinkel, um wieder Auftrieb zu erzeugen. Ein Foiling-Tack ist deshalb ein kontrollierter Übergang von Flug zu kurzer Displacement-Phase und zurück in den Flug – kein langsames Durchdriften durch den Wind.

Die zentralen Unterschiede zum Displacement-Segeln:

  • Flughöhe statt Kielwasser – Steuerung erfolgt über Ruder, Schwerpunkt und Trimm, nicht über Kieldruck
  • Geschwindigkeit vor Manöver – Zu langsam eingeleitet: sofortiges Abfliegen und langer Displacement-Abschnitt
  • Crew als Flugregler – Gewichtsverlagerung steuert Pitch und Roll des Foils direkt
  • Segeldruck kurz halten – Überpower in der Drehung drückt den Bug oder das Heck unter Wasser

Wichtig: Ein gelungener Foiling-Tack endet mit sofortigem Wiederanfliegen auf der neuen Talseite. Ziel ist nicht die perfekte Segelgeometrie in der Totkalm, sondern minimale Wasserzeit und schneller VMG-Wiederaufbau.

Displacement vs. Foiling-Manöver

Displacement-Tack

Lange Totkalm bei 2–4 Sekunden, VMG-Wiederaufbau ab 5 Sekunden. Klassisches Segeln mit ausgeprägter Geschwindigkeitsverlust-Phase.

Foiling-Tack

Kurzer Wasserkontakt 1–2 Sekunden, Wiederflug ab 3 Sekunden. Gewonnene Bootslängen durch minimale Displacement-Phase.

0 s
Manöver-Start – stabiler Flug, VMG-Kurs gehalten
1–2 s
Foiling-Tack: kurzer Rumpfkontakt, sofortige Beschleunigung einleiten
3 s
Foiling-Tack: Wiederflug auf neuer Talseite (grüner Meilenstein)
5 s
Displacement-Tack: VMG erst jetzt wiederhergestellt

Foiling-Tack – Technik und Ablauf

Der Foiling-Tack (Wende durch den Wind) ist am Windward-Mark und auf der Layline das kritischste Manöver. In Klassen wie der Nacra 17 arbeiten Steuermann und Crew synchron, um den Katamaran durch die Drehung zu führen, ohne beide Rümpfe gleichzeitig ins Wasser zu drücken.

Physik des Foiling-Tacks

  1. Auftrieb braucht Fahrt – Unter der Take-off-Geschwindigkeit fällt das Boot ab; jede unnötige Bremsung verlängert die Displacement-Phase.
  2. Pitch-Kontrolle entscheidet – Zu viel Gewicht nach vorn: Bugfoil verliert Auftrieb. Zu viel nach achtern: Heck kippt, Rumpf touchiert Wasser.
  3. Roll stabilisiert den Übergang – Kontrollierter Roll nach Luv erleichtert Vorsegel-Handling und hält einen Flügel länger in der Luft.
  4. Ruderwinkel minimal halten – Aggressive Steuerung erzeugt Bremsdruck und destabilisiert den Flug.

Foiling-Tack in sieben Phasen

  1. Speed-Check – Boot stabil im Flug, VMG-Kurs gehalten, kein übermäßiger Heel
  2. Ansage und Einleitung – „Tacking!“ – flache Luv-Drehung beginnen, Crew nach Luv vorbereiten
  3. Flughöhe reduzieren – Schwerpunkt leicht nach vorn, Segel entpowern, kontrolliert absenken
  4. Drehung durch Wind – Vorsegel einziehen oder überführen, Großsegel gesetzt halten, Ruder minimal
  5. Kurzer Wasserkontakt – Ein Flügel oder Rumpf touchiert, sofort Beschleunigung einleiten
  6. Vorsegel setzen – Im Roll-Moment auf neuer Seite, Großschot nachziehen, Crew auf neue Lee
  7. Wiederanfliegen – Gewicht nach achtern, Power aufbauen, VMG-Kurs trimmen
1
Flug – Beide Foils über Wasser, stabile Flughöhe
2
Absenken – Heck leicht tiefer, kontrollierte Flughöhenreduktion
3
Totkalm – Kurzer Rumpfkontakt, minimale Wasserzeit
4
Beschleunigung – Vorsegel setzt, Power aufbauen
5
Wiederflug – Volle Flughöhe, VMG-Kurs wiederhergestellt

Crew-Rollen beim Foiling-Tack

In zweihändigen Foiling-Katamarans teilt sich die Arbeit klar: Der Steuermann führt Kurs und Timing, die Crew übernimmt Vorsegel, Schot und Gewichtsverlagerung. Bei Einhand-Klassen wie IQFoil ist ein flüssiger Body-Roll entscheidender als bei Crew-Booten.

Bootsklasse
Flughöhe beim Tack
Typische Wasserzeit
Schlüsselfaktor
IQFoil
Sehr niedrig, fast Kontakt
1–2 Sekunden
Body-Roll und Vorsegel-Timing
Nacra 17
Kontrolliertes Absenken
2–3 Sekunden
Crew-Synchronisation und Roll
Moth
Minimaler Touch
1–2 Sekunden
Flache Drehung, kein Bremsrudern
AC75
Cant-System aktiv
Variable
Hydrofoil-Cant und Crew-Gewicht
F50 (SailGP)
Beide Rümpfe kurz
2–4 Sekunden
4-Personen-Crew-Timing

Foiling-Gybe – Technik und Ablauf

Der Foiling-Gybe (Halse über den Wind) gilt als das riskantere Manöver. Bei hoher Downwind-Geschwindigkeit drohen Kenterung, Crash-Landing und Foil-Schäden. Profis in SailGP und beim America's Cup trainieren Gybes tagelang, weil ein einziger Fehler eine ganze Runde kosten kann.

Unterschied zum klassischen Gybe

Beim Displacement-Gybe steht das Boot stabil im Wasser; der Boom wird über die Mitte geführt. Beim Foiling-Gybe:

  • Das Boot fliegt mit hoher Geschwindigkeit – Steuerfehler verstärken sich sofort
  • Der Boom muss kontrolliert überführt werden, ohne den Flug zu destabilisieren
  • Depower vor dem Gybe ist Pflicht – volle Segelfläche bei 20+ Knoten führt fast immer zum Crash
  • Nach dem Gybe muss die Beschleunigung im Flug beginnen, nicht erst nach Absetzen

Warnung: Gybe niemals bei voller Power in Böen. Erst depowern (Cunningham, Outhaul, Vang), dann flache Gybe-Drehung einleiten. Ein Crash-Gybe kostet mehr als zwei saubere Pinching-Tacks.

Foiling-Gybe in sechs Phasen

  1. Depower und Setup – Großsegel entlasten, Kurs leicht anluv, Geschwindigkeit stabil halten
  2. Einleitung – „Gybe ho!“ – Steuermann beginnt flache Drehung, Crew in Duck-Position
  3. Mitte des Gybes – Boom kontrolliert über Bootmitte, Vorsegel stabil, Gewicht zentriert
  4. Neue Talseite – Großsegel auf neuer Seite, Crew auf neue Lee, Foil-Pitch kontrollieren
  5. Beschleunigung im Flug – Power schrittweise aufbauen, nicht abrupt
  6. VMG trimmen – Optimalen Downwind-Winkel laut Kurse und VMG suchen
A
Downwind-Flug – Boot fliegt stabil im Raum-Wind
B
Drehung beginnt – Boom-Mitte, flache Gybe-Drehung
C
Neue Talseite – Crew verlagert, Foil-Pitch kontrolliert

Boom-Handling und Duck-Gybe

In schnellen Foiling-Booten ist der Duck-Gybe Standard: Die Crew duckt unter den Boom, während der Steuermann die Drehung führt. Alternativ der Bear-Away-Gybe bei sehr hoher Geschwindigkeit – hier wird das Boot weiter bear-away gefahren, bevor die Drehung einsetzt.

Gybe-Typ
Windstärke
Risiko
Empfohlen für
Standard Duck-Gybe
8–16 Knoten
Mittel
Nacra 17, IQFoil, Moth
Bear-Away-Gybe
16–25 Knoten
Hoch
AC75, F50, erfahrene Crews
Pinching statt Gybe
25+ Knoten
Niedrig
Starkwind, enge Tore
Roll-Gybe (Foiling)
10–18 Knoten
Mittel–hoch
Skiffs mit koordinierter Crew

Mehr zu Roll-Techniken im Displacement-Kontext findest du unter Roll-Tack und Roll-Gybe – viele Prinzipien lassen sich auf Foiling übertragen.

Regatta-Taktik: Wann tacking, wann gybing?

Auf Windward-Leeward-Kursen zählt jedes Manöver: Am Windward-Mark gewinnt der saubere Foiling-Tack Innenposition; an der Leeward-Gate entscheidet Gybe oder Bear-Away je nach Torwahl. In Starkwind oft mehrere Tacks statt riskanter Gybes.

Tipp: Trainiere Foiling-Tacks zuerst in moderatem Wind (10–14 Knoten). Erst wenn Wiederanfliegen zuverlässig klappt, Wind und Manövertempo steigern.

Typische Fehler und wie du sie vermeidest

Fehler beim Foiling-Tack

  • Zu steile Drehung – Boot verliert Fahrt, lange Displacement-Phase
  • Vorsegel zu spät – Totkalm ohne Vortrieb, kein Take-off möglich
  • Gewicht falsch verteilt – Bug touchiert zuerst, Heck hebt unkontrolliert
  • Überpower in der Drehung – Rumpf wird unter Wasser gedrückt

Fehler beim Foiling-Gybe

  • Gybe bei voller Power – Crash-Landing oder Kenterung
  • Boom unkontrolliert – Crew getroffen, Flug destabilisiert
  • Zu langsame Drehung – Boot fällt ab, VMG-Verlust
  • Kein Depower vorher – Segeldruck überfordert Foil-Stabilität

Häufige Fragen (FAQ)

Muss das Boot beim Tack das Wasser berühren?

In den meisten Klassen ja kurz; Ziel ist minimale Kontaktzeit.

Was ist schwieriger – Foiling-Tack oder Gybe?

Meist der Gybe, besonders bei hoher Geschwindigkeit und Böen.

Wann lieber pinching statt gyben?

Ab ca. 22–25 Knoten, abhängig von Crew-Erfahrung.

Training und Checklisten

Trainingsprogression

  1. Flughöhe kontrollieren – Pitch-Gefühl ohne Kurswechsel entwickeln
  2. Slow Tacks – Segelhandling mit bewusst längerer Wasserphase üben
  3. Speed Tacks – Wasserzeit verkürzen, Wiederanfliegen priorisieren
  4. Gybes in moderatem Wind – Erst Duck-Gybe, dann Bear-Away bei steigendem Wind
  5. Regatta-Simulation – Manöver an Windward-Mark und Leeward-Gate unter Zeitdruck

Checkliste: Foiling-Tack vor dem Training

  • Take-off-Geschwindigkeit und Flughöhe bekannt
  • Vorsegel und Großschot frei, keine Verklemmungen
  • Kommandos mit Crew abgestimmt (Tacking! / Made!)
  • Roll-Timing geplant – wer geht wann wohin?
  • Ziel: minimale Wasserzeit, nicht perfekte Segelgeometrie in Totkalm
  • VMG-Kurs nach Manöver definiert

Checkliste: Foiling-Gybe vor dem Training

  • Windstärke geprüft – Depower-Bedarf klar
  • Boom-Zone frei, Duck-Position geübt
  • Großsegel vor Gybe entlastet (Vang, Outhaul)
  • Ansage-Kette festgelegt (Gybe ho → Ready → Gybing → Made)
  • Alternativplan bei zu viel Wind (Pinching, kein Gybe)
  • Crash-Recovery und Capsize-Plan besprochen

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