Leinenstarts und Shore-Starts
Wenn die Flotte nicht frei auf der Startlinie kreuzt, sondern an Leinen gehalten oder direkt vom Ufer lossegelt, gelten andere Regeln, andere Risiken und andere organisatorische Anforderungen. Leinenstarts (auch Line Starts oder Held Starts genannt) und Shore-Starts (Strandstarts, Beach Starts) sind etablierte Verfahren für Dinghies, Katamarane, Windsurfer und Kiteboarder – besonders bei großen Feldern, beengten Revieren oder Events mit hohem Zuschaueranteil. Für das Race Committee (RC) bedeutet das: präzise SI-Formulierung, klare Leinen- oder Strandorganisation und konsequente Sicherheitsplanung. Für Segler gilt: wer den Ablauf nicht kennt, verliert nicht nur Sekunden, sondern riskiert Proteste, Strafen oder gefährliche Situationen direkt nach dem Startsignal.
Was Leinenstarts und Shore-Starts unterscheidet
Beide Verfahren haben gemeinsam, dass Boote nicht klassisch im Pre-Start-Bereich vor der Startlinie manövrieren. Der Unterschied liegt in der Halteposition und im Loslass-Moment.
Leinenstart – Boote an der Linie fixiert
Beim Leinenstart hält das RC oder Helfer an Land oder auf Booten die Starter an Leinen oder Tauen entlang einer Startlinie fest. Die Boote liegen typischerweise abgewendet (Backwind oder leicht raum) und warten auf das Startsignal. Mit dem Signal werden die Leinen gleichzeitig losgelassen – die Flotte segelt los, ohne vorher die Linie zu überqueren.
Shore-Start – Boote starten vom Ufer
Beim Shore-Start stehen die Boote auf dem Strand, Steg oder einer Rampe bereit. Mit dem Startsignal laufen oder schieben die Segler ihre Boote ins Wasser und segeln los. Es gibt keine klassische Startlinie im olympischen Sinne; stattdessen definiert die SI eine Startzone oder eine imaginäre Linie parallel zum Ufer.
Wann welches Verfahren sinnvoll ist
Veranstalter wählen Leinen- oder Shore-Starts aus pragmatischen Gründen – nicht, weil sie einfacher wären, sondern weil sie bestimmte Probleme lösen.
- Beenztes Revier: Ohne ausreichend Raum für ein Pre-Start-Manövrieren vor der Linie ist ein Leinenstart die sicherere Alternative zum olympischen Massenstart.
- Große Flotten: Bei 100 oder mehr Optimisten, ILCA oder 420ern verhindert der Leinenstart das chaotische Gedränge in der letzten Minute vor dem Start.
- Zuschauernähe: Stadion- und Short-Course-Formate profitieren von Leinenstarts, weil die gesamte Flotte synchron und gut sichtbar lossegelt.
- Strandreviere: Katamarane, Formula Kite und Windsurfer starten ohnehin vom Ufer – ein Shore-Start ist hier die logische Konsequenz.
- Windbedingungen: Bei sehr wenig Wind oder starkem Onshore vermeidet der Leinenstart, dass Boote die Linie zu früh überqueren oder im Pre-Start-Bereich liegen bleiben.
Der übergeordnete Kontext zu Startverfahren allgemein steht in Startverfahren. Für olympische Massenstarts mit freier Linie siehe Olympic und Match-Race-Starts.
Leinenstart – Ablauf und Organisation
Ein professioneller Leinenstart erfordert mehr Personal, klare Kommunikation und eine durchgeübte Freigabe-Sequenz. Das RC darf nicht improvisieren – jede Unklarheit führt zu unfairen Vorteilen oder Sicherheitsvorfällen.
Aufbau der Startlinie
Die Startlinie verbindet zwei feste Punkte, typischerweise das Committee Boat am Lee-End und ein Pin-End-Boot oder eine Boje am Windward-End. Entlang dieser Linie positionieren sich die Boote in der vom RC vorgegebenen Reihenfolge – oft nach Segelnummer, Altersklasse oder Losentscheid.
Wichtige Parameter:
- Leinenlänge und -festigkeit: Leinen müssen bei Windböen und Crew-Bewegung nicht reißen, aber beim Loslassen sofort durchlaufen
- Abstand zwischen Booten: Mindestens eine Bootslänge plus Sicherheitsabstand, bei großen Feldern mehr
- Windorientierung: Boote liegen so, dass sie nach dem Loslassen ohne Kollision segeln können
- Helfer-Position: Jede Leine braucht einen verantwortlichen Helfer mit Funk oder Handzeichen zum RC
Die technische Ausstattung des RC ist in Committee Boat und Markenboote beschrieben.
Signalsequenz beim Leinenstart
In den meisten Fällen nutzt das RC die klassische 5-Minuten-Sequenz – angepasst an die SI. Der Unterschied zum Olympic-Start: Boote dürfen die Linie nicht überqueren, weil sie physisch gehalten werden. OCS-Probleme entstehen erst nach dem Loslassen, wenn ein Boot die Linie von der falschen Seite passiert.
- Positionierung (vor Warnsignal): RC und Leinen-Team ordnen Boote entlang der Linie. Segler trimmen Segel, prüfen Ausrüstung, halten Ruhe.
- Warnsignal (−5 Min): Klassenflagge gehisst, ein Schallsignal. Letzte Korrekturen der Position erlaubt, solange die SI es vorsehen.
- Vorbereitungssignal (−4 Min): Flagge P gehisst, ein Schallsignal. Boote sind fixiert – keine Positionsänderung mehr, sofern SI nichts anderes erlauben.
- Ein-Minuten-Signal (−1 Min): P gestrichen, ein Schallsignal. Leinen-Team nimmt Spannung auf, Helfer bereit zum Loslassen.
- Startsignal (0 Min): Schallsignal – alle Leinen gleichzeitig loslassen. Boote segeln los.
- Nach dem Start: RC beobachtet OCS, setzt Recall-Signale falls nötig, dokumentiert verspätetes Loslassen einzelner Leinen.
Die Bedeutung der Flaggen ist in Startzeichen und Flaggen erläutert.
Häufige Fehler beim Leinenstart
Wird eine Leine vor dem Startsignal gelöst oder gerissen, gilt das Boot in der Regel als On Course Side (OCS) oder als früh gestartet – je nach SI. Das RC muss dies vor dem ersten Renntag eindeutig regeln und im Briefing kommunizieren.
Shore-Start – Ablauf vom Strand ins Rennen
Shore-Starts sind typisch für Disziplinen, bei denen Boote ohnehin vom Ufer starten: Beach-Katamarane, Formula Kite, Windsurf-Klassen und manche Dinghy-Events an Strandrevieren. Das RC definiert in den SI eine Startzone, Startreihenfolge und den Moment, ab dem ein Boot als „gestartet" gilt.
Elemente eines Shore-Starts
- Startzone: Der Bereich zwischen zwei markierten Punkten am Ufer oder zwischen Ufer und einer offshore gelegenen Boje.
- Startlinie: Oft eine imaginäre Linie senkrecht zum Ufer oder parallel zur Strandlinie – exakt in den SI beschrieben.
- Startreihenfolge: Bei großen Feldern starten Boote in Flights (Gruppen) im Minutenabstand.
- Launch-Zone: Bereich, in dem Boote ins Wasser gebracht werden dürfen – getrennt von der Startzone, um Kollisionen zu vermeiden.
Signale und Countdown
Shore-Starts nutzen häufig eine verkürzte Sequenz – etwa 3 oder 5 Minuten – je nach SI und Disziplin. Bei Kite- und Windsurf-Events kann das RC zusätzlich visuelle Signale (Ampel, Flaggen am Ufer) einsetzen, weil Schallsignale am Strand schwerer hörbar sind.
Typischer Ablauf:
- Boote stehen bereit in der Startzone, Segel noch eingeholt oder teilweise gesetzt (SI-abhängig).
- Warnsignal: Segler bereiten Launch vor.
- Vorbereitungssignal: Position in der Startzone einnehmen, kein vorzeitiges Ins-Wasser-Gehen.
- Startsignal: Boote dürfen ins Wasser – wer vorher startet, ist OCS oder wird disqualifiziert (SI-abhängig).
- Erstes Boot, das die Startlinie korrekt überquert, gilt als Referenz für nachfolgende Starter.
Tipp: Bei Shore-Starts mit Flights sollte das RC zwischen den Gruppen mindestens 3–5 Minuten Pause einplanen, damit die Wasserfläche vor der ersten Marke nicht überfüllt wird.
Vergleich: Startverfahren im Überblick
Sicherheit bei Leinen- und Shore-Starts
Sicherheit hat Vorrang vor Fairness und Tempo. Beide Verfahren bergen spezifische Risiken, die das RC in der SI und im Sicherheitskonzept adressieren muss.
Leinenstart – Sicherheitsaspekte
- Leinenbruch: Ersatzleinen bereithalten, Windlimit definieren
- Kollision nach Loslassen: Ausreichend Abstand, klare Ausweichregeln im Briefing
- Crew im Wasser: Rettungswesten Pflicht, Bootsführer-Position vor dem Loslassen fixieren
- Helfer-Sicherheit: Leinen-Team mit Schwimmweste, klare Fluchtwege bei Windböen
Shore-Start – Sicherheitsaspekte
- Brandung und Grund: Start nur bei ausreichender Wassertiefe und kontrollierbarer Brandung
- Launch-Chaos: Getrennte Zonen für Vorbereitung und Start
- Kite- und Windsurf-Lines: Mindestabstände zwischen Startern, Windfenster beachten
- Zuschauermanagement: Absperrungen am Strand, damit Zuschauer nicht in die Startzone laufen
Unfallursachen bei Shore-Starts: Typische Verteilung: 40 % Kollision beim Launch, 25 % Leinenverwicklung, 20 % Sturz in Brandung, 15 % Sonstiges. Kollisionen beim Launch sind der häufigste Unfallgrund.
Taktik für Segler
Leinenstart – Taktische Tipps
- Position an der Linie: Windwärtiges Ende ist oft vorteilhafter – frühzeitig mit RC die Reihenfolge klären.
- Segelvorbereitung: Großsegel und Vorsegel vor dem Fixieren optimal trimmen – nach dem Loslassen keine Zeit für große Anpassungen.
- Loslass-Moment: Auf das Schallsignal reagieren, nicht auf das visuelle Loslassen der Nachbarn – sonst droht Protest wegen Frühstart.
- Erste Manöver: Direkt nach dem Start Kurs zur ersten Marke planen – bei Windward-Leeward-Kursen zählt jede Sekunde.
Shore-Start – Taktische Tipps
- Launch-Technik: Schneller ins Wasser als die Konkurrenz – ohne die SI zu verletzen.
- Windfenster: Bei Kite und Windsurf den richtigen Moment für den Start wählen, wenn eine Böe ansteht.
- Strandwahl: Härterer Untergrund erleichtert schnellen Launch; weicher Sand bremst.
- Erste Marke: Kurs früh setzen – Shore-Starter sind oft langsamer in Fahrt als Linie-Starter.
Wichtig: Bei Shore-Starts gilt häufig: Wer die Startlinie von der falschen Seite überquert oder vor dem Startsignal ins Wasser geht, ist OCS. Die genaue Definition steht ausschließlich in den SI – nicht in den Standard-RRS allein.
Recall und Proteste
Leinen- und Shore-Starts unterliegen denselben Recall-Regeln wie olympische Starts – sofern die SI nichts Abweichendes festlegt. Bei OCS nach dem Loslassen oder bei vorzeitigem Launch gelten Individual Recall (Flagge X) oder General Recall je nach SI.
Details zu Recall-Signalen finden sich in Individual Recall und General Recall.
Typische Protestgründe:
- Ungleichzeitiges Loslassen der Leinen (Frühstart-Vorteil)
- Boot blockiert Nachbar nach dem Loslassen (Regel 11)
- Vorzeitiger Launch beim Shore-Start
- Falsche Position in der Startreihenfolge
Checkliste für das Race Committee
- Verfahren (Leinen oder Shore) in SI eindeutig beschrieben
- Startlinie bzw. Startzone markiert und GPS-koordiniert
- Leinen-Team oder Strand-Team eingewiesen und geübt
- Funkverbindung zwischen RC, Pin-End und Helfern getestet
- Signalsequenz und Countdown-Zeit festgelegt
- OCS- und Recall-Regeln im Briefing erklärt
- Sicherheitskonzept (Windlimit, Rettungskräfte) abgestimmt
- Probelauf mit wenigen Booten durchgeführt
- Dokumentation für Protest-Ausschuss vorbereitet
Planung in den Sailing Instructions
Jedes Detail muss in den Sailing Instructions (SI) stehen – nicht mündlich, nicht „wie letztes Jahr". Mindestens diese Punkte sind Pflicht:
- Bezeichnung des Startverfahrens (Leinenstart oder Shore-Start)
- Exakte Definition der Startlinie oder Startzone (Koordinaten, Markierungen)
- Signalsequenz und Countdown-Dauer
- Regeln für OCS, Frühstart und verspätetes Loslassen
- Startreihenfolge oder Flight-Einteilung
- Wind- und Wellenlimits für Shore-Starts
- Recall-System (I-Flag, U-Flag, General Recall)