VMG am Wind und Kurswahl

Die Velocity Made Good (VMG) ist am Wind der zentrale Kennwert jeder Kursentscheidung auf der Windward-Leg. Wer nur auf maximale Bootsgeschwindigkeit achtet und zu flach oder zu steif segelt, verliert gegen Konkurrenz, die den optimalen Windschnitt-Kurs wählt. Wer dagegen den Zusammenhang zwischen True-Wind-Angle (TWA), Bootsgeschwindigkeit und Fortschritt Richtung Windward-Marke versteht, baut auf Regatten systematisch Vorsprung auf – ohne riskante Layline-Entscheidungen oder unnötige Halsen.

Dieser Leitfaden erklärt, wie du VMG am Wind praxisnah optimierst: von der Grundformel über windstärkenabhängige Kurswinkel bis zu taktischer Kurswahl und Crew-Kommunikation. Die Begriffsgrundlagen findest du unter Kurse und VMG; den Überblick zur Upwind-Technik unter Upwind-Technik.

Was VMG am Wind bedeutet

VMG beschreibt die Geschwindigkeitskomponente in Richtung Ziel – auf der Windward-Leg also Richtung Windward-Marke oder nächster strategischer Zone. Mathematisch gilt:

VMG = Bootsgeschwindigkeit × cos(Abweichung vom Zielkurs)

Ein Boot mit 6,5 Knoten auf einem Kurs, der nur 5° vom direkten Weg zur Marke abweicht, erzielt eine VMG von etwa 6,5 Knoten. Ein anderes Boot mit 7,2 Knoten, aber 15° Abweichung vom optimalen VMG-Kurs, liegt bei rund 7,0 Knoten VMG – trotz höherer Fahrtgeschwindigkeit kann es langsamer zur Marke kommen.

Am Wind unterscheidet sich VMG-Optimierung fundamental vom Downwind-Segeln: Statt den Raum-Wind zu nutzen, arbeitest du gegen den Wind und suchst den Kurs, der den größten Fortschritt Richtung Windward erzielt. Der steifste Kurs (kleinste TWA) ist selten optimal – genauso wenig wie der flachste Kurs mit maximaler Speed.

VMG-Vektor am Wind: Draufsicht – Windpfeil von oben, Windward-Marke oben Mitte. Boot segelt schräg (ca. 42° TWA), grüner Pfeil = Bootsgeschwindigkeit, blaue Linie = VMG-Vektor Richtung Marke. Vergleichsboot auf steiferem Kurs (35° TWA): kürzerer VMG-Vektor trotz ähnlicher BS. Mehr Speed ≠ mehr VMG am Wind.

True-Wind-Angle und Kurswinkel verstehen

Der True-Wind-Angle (TWA) misst den Winkel zwischen Bugrichtung und echtem Wind. Am Wind liegen typische Regatta-Kurse zwischen 35° und 50° TWA:

  1. TWA 35°–40° – „Pointing Mode“, steifer Kurs, weniger Speed, näher am Wind
  2. TWA 40°–45° – häufiges VMG-Optimum in mittlerer Windstärke
  3. TWA 45°–50° – „Footing Mode“, flacherer Kurs, mehr Speed, mehr Abstand zur Layline

Der Course Over Ground (COG) kann durch Strom, Wellen und Abdrift vom Steuerkurs abweichen. Steuermann und Taktiker müssen VMG auf Basis der tatsächlichen Bewegung über Grund bewerten, nicht nur nach Kompasskurs oder TWA-Anzeige.

Wichtig: Die höchste VMG liegt fast nie auf dem steifsten Kurs zum Wind. Optimiere immer die Komponente Richtung Windward-Marke – nicht die reine Knotenzahl am Display.

Pointing vs. Footing

In der Praxis spricht man von zwei Grundmodi:

  • Pointing (hoher Modus): Steiferer Kurs, kleinere TWA, weniger Speed – sinnvoll bei Lift, vor Layline oder wenn die linke/rechte Bahn favorisiert ist
  • Footing (tiefer Modus): Flacherer Kurs, größere TWA, mehr Speed – sinnvoll bei Header, in Leichtwind oder wenn mehr Druck auf dem Vorsegel gebraucht wird

Der Wechsel zwischen beiden Modi ist keine starre Regel, sondern eine kontinuierliche Feinjustierung, die Steuermann, Taktiker und Trimmer gemeinsam steuern. Details zum Segeltrim findest du unter Telltales und Segelform.

VMG-Polare und Bootsklassen

Jede Bootsklasse hat eine charakteristische VMG-Polare: ein Diagramm, das für verschiedene Windstärken den TWA mit maximaler VMG zeigt. Ein ILCA 7 segelt in 8 Knoten Wind anders als ein 470er mit Trapeze oder ein J/70 mit großer Besatzung. Polare stammen aus:

  1. Herstellerangaben und Klassenverband-Dokumentation
  2. Eigenes Training mit GPS, Windinstrument und Logbuch
  3. Vergleich mit erfahrenen Seglern derselben Klasse
  4. Analyse von Regatta-Tracking-Daten nach Rennen
Windstärke (kn)
Typischer VMG-TWA
Modus
Priorität
0–6 (Leichtwind)
45°–50°
Footing, Segelfläche halten
Speed vor Pointing
7–12 (moderat)
40°–45°
Balance Pointing/Footing
VMG-Optimum suchen
13–20 (frisch)
38°–43°
Pointing, Depower
Kontrolle und VMG
20+ (stark)
40°–48°
Sicherer Modus, Reff
Stabilität vor Max-VMG

Pointing vs. Footing am Wind: Pointing (steif, kleine TWA, weniger BS, gut bei Lift) und Footing (flach, große TWA, mehr BS, gut bei Header und Leichtwind) – der grüne Bereich „VMG-Optimum“ liegt als Überlappung beider Modi in der Mitte.

Kurswahl in der Praxis

VMG-Optimierung und taktische Kurswahl sind untrennbar verbunden. Der schnellste Kurs zum Wind ist nicht immer der schnellste Kurs zur Marke – besonders auf Windward-Leeward-Kursen.

Windversetzungen und Kursanpassung

Bei einem Lift (Wind dreht günstiger) lohnt sich häufig ein steiferer Kurs – du „pointest“ in den Lift hinein und maximierst VMG Richtung Marke. Bei einem Header (Wind dreht ungünstiger) segelst du oft flacher, um Speed und VMG zu halten, statt zu steif zu bleiben und die Polare zu verlassen.

  1. Lift auf der aktuellen Halse → steifer segeln, TWA reduzieren
  2. Header auf der aktuellen Halse → flacher segeln, TWA erhöhen
  3. Lift auf der anderen Halse → Halsen erwägen (taktische Entscheidung)
  4. Header auf der anderen Halse → auf aktueller Halse bleiben

Druck, Wellen und Bahnwahl

Mehr Winddruck auf einer Bahn erlaubt oft flacheres Segeln mit höherer VMG. Weniger Druck erzwingt steiferes Segeln oder einen Bahnwechsel. Wellen und Chop beeinflussen die optimale TWA ebenfalls:

  • In flachem Wasser: näher am VMG-Optimum der Polare segeln
  • In Chop: etwas flacher, mehr Speed, Crew-Gewicht und Trim anpassen
  • In Wellengang: Rhythmus nutzen, VMG kurzfristig für Surf-Phasen opfern, dann zurück in Optimum

Tipp: Nutze kurze VMG-Tests: 30 Sekunden steifer segeln, 30 Sekunden flacher – welche Einstellung liefert laut GPS-Instrument die höhere VMG Richtung Marke?

Instrumente und Feedback

Moderne Regattaboote nutzen Wind-, Speed- und GPS-Instrumente. Entscheidend ist nicht die Anzeige einzelner Werte, sondern deren Interpretation im Team:

  • TWA und BS gleichzeitig beobachten – VMG ergibt sich aus beiden
  • VMG-Anzeige (falls vorhanden) mit Polare abgleichen
  • COG vs. Kompaskurs – Abdrift erkennen und Kurs korrigieren
  • Trendanzeigen für Wind – rechtzeitig Modus wechseln

Steuermann und Taktiker sollten klare Kommandos vereinbaren: „Zwei Grad flacher“, „Pointing Mode“, „VMG-Test links“. Die Rollenverteilung ist unter Steuermann und Taktiker beschrieben.

Häufige Fehler bei der Kurswahl

Warnung: Zu lange im Pointing-Modus bleiben, obwohl die Bootsgeschwindigkeit einbricht, ist einer der häufigsten VMG-Fehler am Wind – besonders in Leichtwind und vor Laylines.

Typische Fehlerquellen:

  • Pinching: Zu steif segeln, Speed bricht ein, VMG sinkt trotz „gutem“ Kursgefühl
  • Footing ohne Grund: Zu flach segeln, unnötig weit von der Layline entfernt
  • Instrumentenfixierung: Nur TWA statt VMG-Kombination aus BS und Kurs beachten
  • Layline-Fixierung: Zu früh oder zu spät halsen, statt VMG bis zur optimalen Zone zu halten
  • Keine Polare: Jede Windstärke mit dem gleichen Kurs segeln
Situation
Fehler
Korrektur
Leichtwind
Zu steif, Boot kommt nicht in Fahrt
5°–8° flacher, Segelfläche halten
Mittelwind
Nur Speed, Layline zu spät
VMG-Optimum laut Polare halten
Starkwind
Zu viel Power, Kentergefahr
Depower, etwas flacher, Reff prüfen
Vor Layline
Overstand aus Angst
VMG bis zur Layline-Zone, dann halsen

Crew-Arbeit und Trim

VMG am Wind ist ein Team-Ergebnis. Steuermann setzt den Kurs, Trimmer halten Segel im VMG-Fenster, Crew-Gewicht beeinflusst Rumpfbalance und Speed.

Wichtige Trim-Hebel:

  • Großsegel-Twist: Mehr Twist in Böen, weniger in Druckphasen
  • Vorsegel-Tension: Feineres Vorsegel für Pointing, etwas lockerer für Footing
  • Hiking/Trapeze: Maximale Righting Moment ohne Speed-Verlust
  • Rake und Mast: Rig-Tuning laut Klassenvorgaben und Windstärke

Groß- und Vorsegel-Grundlagen findest du unter Groß- und Vorsegel-Trim. Am Wind gilt: Jede Trim-Änderung sollte mit einer messbaren VMG-Reaktion verbunden sein – nicht nach Gefühl allein.

1
Polare/Windstärke klären
2
Basis-TWA setzen
3
BS/VMG messen
4
Pointing/Footing testen – Entscheidungspunkt
5
Trim anpassen
6
Modus festhalten bis Windwechsel

Training und Selbstkontrolle

VMG-Kurswahl lässt sich gezielt trainieren – allein oder mit Trainingspartnern auf der Bahn:

  1. Polare aufbauen: Pro Windstärke TWA und BS in Logbuch notieren
  2. VMG-Vergleich: Parallel zu Trainingspartner, wer hält höhere VMG zur Marke?
  3. Modus-Wechsel: Bewusst 2 Minuten Pointing, 2 Minuten Footing, VMG vergleichen
  4. Video/Drohne: Kurs und Speed aus Außenperspektive analysieren
  5. Debriefing: Nach jeder Windward-Leg TWA-Mittel und VMG besprechen

Checkliste: VMG am Wind vor der Windward-Leg

  • Polare für aktuelle Windstärke parat
  • Wind-Trend (Lift/Header) eingeschätzt
  • Basis-TWA vereinbart
  • Instrumente kalibriert
  • Trim für VMG-Modus gesetzt
  • Layline-Plan mit Taktiker abgestimmt
  • Kommandos für Modus-Wechsel klar
  • Nach Layline: Halsen-Timing definiert

Am Wind vs. Downwind

VMG-Logik gilt in beiden Richtungen, die optimale TWA unterscheidet sich grundlegend. Am Wind suchst du den steilsten Kurs mit ausreichend Speed; downwind den flachsten Kurs mit ausreichend VMG Richtung Ziel. Ein Vergleich findest du unter VMG und Winkel optimieren (Downwind-Leg).

VMG-Gewinn durch Kurswahl: Typischer VMG-Vorteil durch optimale TWA vs. „Gefühls-Kurs“: 0,2–0,5 kn VMG in Mittelwind. Auf einer 15-minütigen Windward-Leg entspricht das 0,05–0,125 NM Vorsprung – oft entscheidend im Mittelfeld.

Zusammenfassung

VMG am Wind ist die Kunst, Speed und Kurswinkel so zu kombinieren, dass du am schnellsten Richtung Windward-Marke vorankommst. Wer Polare kennt, Pointing und Footing bewusst wechselt und Wind, Druck und Laylines integriert, trifft bessere Kursentscheidungen als reine Speed- oder Pointing-Segler. Die Windward-Mark-Rounding baut direkt auf einer erfolgreichen Windward-Leg auf – VMG-Optimierung ist der erste Schritt zum sauberen Overstand und zur guten Rundung.

Häufige Fragen zu VMG am Wind

  • Was ist der Unterschied zwischen TWA und VMG? – TWA ist der Kurswinkel zum Wind, VMG die Fortschrittsrate Richtung Ziel.
  • Soll ich immer so steif wie möglich segeln? – Nein, nur solange die Bootsgeschwindigkeit im VMG-Optimum bleibt.
  • Wie finde ich mein VMG-Optimum? – Polare, Instrumente und kurze Pointing/Footing-Tests im Training.
  • Wann flacher segeln? – Bei Header, Leichtwind, wenig Druck oder wenn Speed unter Polare fällt.
  • Wann steifer segeln? – Bei Lift, vor Layline oder wenn mehr Druck auf der Bahn liegt.

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