Abbruch und Postponement
Regatten werden unter Zeitdruck geplant – doch Wind, Wetter und Sicht entscheiden über Start, Streckenführung und Zieleinlauf. Postponement (Verschiebung) und Abbruch (Abandonment) sind keine Formalitäten, sondern zentrale Sicherheitsinstrumente des Wettfahrleiterkomitees (Race Committee, RC). Wer die Signale kennt und das richtige Verhalten an Bord einübt, schützt Crew, Material und Mitsegler. Dieser Leitfaden verbindet die Regelgrundlagen nach den Racing Rules of Sailing (RRS) mit der sicherheitsorientierten Praxis auf dem Revier.
Warum Sicherheit Vorrang vor Wettbewerb hat
Das RC trägt die Verantwortung für faire und sichere Bedingungen. RRS 32 erlaubt dem Komitee, Rennen zu verschieben, abzusagen oder abzubrechen, wenn die Bedingungen dies erfordern. Sicherheitsgründe stehen dabei über sportlichen Interessen – egal ob Club-Regatta, Meisterschaft oder internationales Event.
Typische Auslöser für Postponement oder Abbruch aus Sicherheitsperspektive:
- Windstärke unter Minimum oder über Maximum laut Segelanweisungen (Sailing Instructions, SI)
- Gewitter, Blitzschlaggefahr oder nahende Front
- Sicht unter den in den SI definierten Grenzwerten
- Seegang oder Wellenhöhe, die Rettungsketten und Markenboote überfordern
- Schiffsverkehr, Ölfilm, Treibgut oder andere Gefahren auf der Bahn
- Verletzungen, Man-over-board-Situationen oder technische Havarien in der Flotte
Wichtig: Postponement bedeutet Warten – ein Rennen kann noch stattfinden. Abbruch beendet ein laufendes Rennen oder den gesamten Regattatag ohne regulären Zieleinlauf. Beide Signale gelten für die gesamte Flotte gleichermaßen und sind keine Strafen.
Postponement – sicher warten statt riskieren
Beim Postponement signalisiert das RC: Es wird gewartet. Die geplante Startsequenz oder das geplante Rennen wird auf unbestimmte Zeit verschoben. Die AP-Flagge (Answering Pennant, rot-weiß gestreift) ist das zentrale Signal – Details zu Flaggen und Schallsignalen stehen im Artikel AP, Postponement und Abbruch.
Sicherheitsrelevante Gründe für ein Postponement
- Windmangel: Boote können nicht planmäßig segeln; Kenterungen bei leichtem Wind mit starker Strömung werden wahrscheinlicher.
- Überwind: Mastbruch, Ruderbruch oder Kontrollverlust – besonders bei leichten Einhand- und Jollenklassen.
- Gewitter: Blitzschlag auf dem Wasser ist lebensbedrohlich; das RC verschiebt frühzeitig, nicht erst bei Regen.
- Logistik: Defektes Markenboot, unvollständige Rettungskette – Start ohne Sicherheitsnetz ist unzulässig.
- Sicht: Nebel oder Dämmerung unter SI-Mindestsicht – Kollisionen zwischen Booten und mit Hindernissen steigen.
Was die Crew bei Postponement tun soll
- Segelfertig bleiben, aber keine unnötigen Risiken eingehen
- Rettungswesten gemäß SI und Rettungswesten und Ausrüstung tragen
- Reviernähe halten, Funk und Flaggen des RC beobachten
- Stoppuhr stoppen – laufende Startsequenz ist unterbrochen
- Bei Gewitter: Metall vermeiden, Mast berühren minimieren, ggf. Land ansteuern wenn SI es erlauben
Tipp: Notiere die Uhrzeit, zu der AP gehisst wurde. Viele SI sehen eine maximale Wartezeit vor – danach folgt häufig N über A (Abbruch aller Rennen des Tages).
Abbruch – wenn Segeln nicht mehr verantwortbar ist
Der Abbruch (Abandonment) beendet ein laufendes Rennen oder alle Rennen eines Tages. Signal: Flagge N (blau-weiß kariert) über Flagge A, H oder einer Klassenflagge – je nach SI und Phase. Nach RRS 32.1 kann das RC ein Rennen abbrechen, wenn es bereits begonnen hat und die Bedingungen es erfordern.
Abbruch während des Rennens
Wenn N über der entsprechenden Flagge gehisst wird, während Boote auf der Bahn sind:
- Sofort reagieren: Rennen ist beendet – kein Weitersegeln zur nächsten Marke.
- Sicherheit zuerst: Crew zusammenhalten, Kollisionen vermeiden, bei Bedarf Hilfe leisten.
- Zum Revier zurück: In der Regel direkt zum Liegeplatz oder zur in den SI genannten Sammelstelle.
- Kein Protest wegen Abbruch: Der Abbruch selbst ist keine Regelverletzung eines einzelnen Bootes.
Abbruch des gesamten Regattatags
N über A signalisiert: Alle Rennen des Tages werden abgebrochen. Gründe sind oft:
- Anhaltender Windmangel oder Überwind über Stunden
- Verschlechternde Wetterprognose
- Zeitliche Grenzen (SI: letzter Start, Sonnenuntergang)
- Sicherheitsvorfälle, die eine Fortsetzung ausschließen
Warnung: Segle nach einem Abbruchsignal nicht „noch schnell zur Zielmarke“. Ein Boot, das nach N weiter auf der Bahn segelt, gefährdet sich und andere – und kann gegen SI verstoßen.
Signale und Ablauf im Überblick
Von Postponement zu Abbruch oder Neustart
AP gestrichen, dann Warnsignal – Bedingungen als sicher bewertet
N über Flagge – Rennen oder Regattatag beendet
RRS 32 und die Segelanweisungen
RRS 32 regelt Cancelling, Postponing und Abandoning Races. Die konkrete Ausgestaltung – Mindestwind, maximale Wartezeit, Anzahl Wertungsrennen bei Abbruch – steht in der Notice of Race und den Sailing Instructions. Das Race Committee und PRO setzt diese Vorgaben am Wasser um.
Wichtige Punkte für Segler:
- RRS 32.1: Das RC kann ein Rennen vor dem Start absagen, verschieben oder nach dem Start abbrechen.
- RRS 32.2: Nach dem Start kann verschoben werden, wenn die SI es vorsehen (selten bei Inshore-Fleet-Racing).
- SI-Abweichungen: Oft sind Mindest- und Höchstwind, letzter Start und Wertungsregeln bei weniger als X Rennen festgelegt.
- Scoring: Wie abgebrochene Rennen gewertet werden, regeln Appendix A und die SI – siehe Scoring-Systeme und Abbrüche.
Wertungsfolgen aus Sicherheitsperspektive
Aus Sicht der Crew ändert ein Abbruch selten sofort das Ranking – das Ergebnisoffice wertet nach SI. Typische Regelungen:
- Weniger als die geforderte Anzahl Rennen → Regatta wird reduziert gewertet oder abgesagt
- Einzelnes abgebrochenes Rennen → oft kein Wertungsrennen (kein Discard-Verbrauch)
- BFD oder DNF bei Abbruch → je nach SI und Zeitpunkt unterschiedlich
Praxis: Sicherheitsverhalten bei schwierigem Wetter
Vor dem Start
- Wetter- und Windprognose mit SI abgleichen
- Sicherheitsregeln auf dem Wasser und Ausrüstungscheck durchführen
- PRO-Briefing und RC-Ansagen auf dem Wasser ernst nehmen
- Bei Zweifel: Lieber früher postponement-fähig bleiben als untersegelt auf dem Revier
Während Postponement
- Hydration und Sonnenschutz – Warten ist anstrengend
- Kein „Probesegeln“ quer durch das Startfeld
- Rettungsboote nicht behindern
- Funkkanal des RC freihalten
Nach Abbruchsignal
- Segel reffen oder bergen je nach Bootsklasse und Wetter
- Langsam und vorhersehbar manövrieren – viele Boote kehren gleichzeitig zurück
- Verletzte oder hilfsbedürftige Boote unterstützen, RC informieren
- Material trocknen und sichern – nasse Decks sind rutschig
Crew bei Postponement und Abbruch
- Rettungsweste tragen
- RC-Signale beobachten
- Stoppuhr stoppen bei AP
- Bei N sofort Rennen beenden
- Reviernähe halten
- Funkkanal frei
- Keine Probesegelmanöver im Startfeld
- Wetterprognose im Blick behalten
Rolle von Rettungskette und Markenbooten
Postponement und Abbruch entlasten nicht nur die Flotte – sie entlasten auch Rettungsboote, Markenboote und Helfer. Bei Gewitter oder stürmischem Wetter sind diese Teams besonders gefährdet. Ein verantwortungsvolles RC bricht ab, bevor Helfer unnötig auf dem Wasser bleiben müssen.
Segler sollten:
- Markenboote nicht als „Trainingsgegenstand“ nutzen während AP
- Rettungsboote nur bei echten Notfällen anfunken
- Bei Man-over-board: Sofort RC und Rettungskette alarmieren – unabhängig vom Rennergebnis
Typischer Regattatag mit Wetterproblemen
Unterschied zu anderen Statuskürzeln
Postponement und Abbruch betreffen alle Boote gleich. Das unterscheidet sie von individuellen Ergebnissen wie DNF, DNS oder OCS. Wer DNF, DNS, DSQ und OCS kennt, verwechselt sie nicht mit einem RC-Abbruch.
Für Veranstalter: Sicherheit in SI und Briefings
Veranstalter sollten in NOR und SI klar festlegen:
- Mindest- und Höchstwind für Starts
- Maximale Wartezeit nach AP bis N über A
- Verhalten bei Gewitter (Abstand, Landeanweisung)
- Anzahl Wertungsrennen bei reduziertem Programm
- Funkfrequenzen für Notfall und RC-Kommunikation
Das Morgenbriefing – beschrieben unter Morgenbriefing und Streckenbesprechung – muss Abbruchkriterien wiederholen. Die Racing Rules of Sailing bleiben die verbindliche Grundlage.
Häufige Fragen (FAQ)
Darf ich nach AP noch üben?
Nur ohne Störung des Startfelds und gemäß SI.
Was zählt bei N über A für die Wertung?
Steht in SI und Scoring-Regeln, oft weniger Wertungsrennen.
Muss ich bei leichtem Regen abbrechen?
Nur wenn RC N signalisiert; AP allein bedeutet Warten.
Wer entscheidet über Abbruch?
Das Race Committee, nicht einzelne Segler.
Gilt Abbruch auch bei Match Racing?
Ja, RRS 32 gilt; Signale können in SI angepasst sein.
Fazit
Postponement und Abbruch sind keine Niederlage des Veranstalters, sondern Ausdruck verantwortungsvoller Regattaleitung. Segler, die Signale sicher deuten und diszipliniert reagieren, tragen zur Sicherheit der gesamten Flotte bei. Lies die SI vor dem ersten Start, kenne die Flaggen und halte Ausrüstung und Crew bereit – dann wird aus Wartezeit kein Sicherheitsrisiko.
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Letzte Aktualisierung: 4. Juli 2026