Race Committee und PRO

Das Race Committee (RC) ist das operative Herzstück jeder Regatta auf dem Wasser. Während die Crews trimmen, taktieren und um Platzierungen kämpfen, sorgt das RC unter Leitung des Principal Race Officer (PRO) dafür, dass Starts fair ablaufen, Strecken korrekt gesetzt werden und Ergebnisse verlässlich erfasst werden. Wer die Arbeit des RC versteht, segelt nicht nur regelkonformer – er kann Startentscheidungen besser einschätzen, Proteste fundierter einreichen und als Organisator professionelle Events aufbauen.

Dieser Leitfaden vertieft Aufbau, Ablauf und Verantwortlichkeiten des Race Committees – ergänzend zum Überblick unter Regatta-Leitung und Schiedsrichter.

Was ist das Race Committee?

Das Race Committee ist das Gremium, das gemäß den Racing Rules of Sailing (RRS) Part 3 – Conduct of a Race – die sportliche Durchführung der Wettfahrten verantwortet. Es handelt sich nicht um eine Protest-Jury: Das RC entscheidet über Starts, Streckenführung, Zeitnahme und Flaggenkommunikation, aber nicht über Regelstreitigkeiten zwischen Booten (das ist Aufgabe der Jury, siehe Protestverfahren).

Die konkreten Vorgaben für jedes Event stehen in der Notice of Race und den Sailing Instructions – dokumentiert im Detail unter Notice of Race und Sailing Instructions. Das RC setzt diese Anweisungen auf dem Wasser um und darf nur dort von den SI abweichen, wo die Regeln dies ausdrücklich erlauben (z. B. Postponement bei ungeeigneten Bedingungen).

Kernaufgaben des Race Committees

  1. Streckenplanung: Auswahl der Bahnform (Windward-Leeward, Trapez, Slalom) abhängig von Wind, Wellen und Bootsflotte
  2. Startmanagement: Durchführung der Startsequenz, Überwachung der Startlinie, Erkennung von OCS-Booten
  3. Markenmanagement: Setzen, Überwachen und gegebenenfalls Verschieben der Rundungs- und Gate-Marken
  4. Zeitnahme: Erfassung von Start-, Rundungs- und Zielzeiten; Meldung an den Ergebnisdienst
  5. Kommunikation: Signale per Flaggen, Horn und Funk; Bekanntgabe von Änderungen und Abbrüchen
  6. Sicherheitsüberwachung: Beobachtung von Wetterentwicklung, Sicht und Rettungsbereitschaft

Hierarchie des Race Committees auf dem Wasser

1
Principal Race Officer (PRO) auf Committee Boat
2
Assistant Race Officers (ARO) – Startlinie, Ziellinie, Gate
3
Markenboot-Crews (Pin-End, Windward Mark, Leeward Gate)
4
Sicherheits- und Zeitnehmerboote

Der Principal Race Officer (PRO)

Der Principal Race Officer ist der leitende Schiedsrichter des Race Committees. Er trägt die Gesamtverantwortung für alle Entscheidungen auf dem Wasser und ist die erste Anlaufstelle für organisatorische Fragen während der Wettfahrt – nicht jedoch für Protest-Hearings.

Qualifikation und Erfahrung

Ein PRO sollte über fundierte Kenntnisse der RRS verfügen, idealerweise durch ein World-Sailing- oder Verbandszertifikat als Race Officer. Praxiserfahrung auf verschiedenen Bootsgrößen und in wechselnden Bedingungen ist entscheidend: Ein erfahrener PRO erkennt frühzeitig, wann ein Postponement oder Abbruch nötig wird, statt ein Rennen unter unsicheren Bedingungen durchzuzwingen.

Typische PRO-Kompetenzen:

  • Souveräne Startsequenz auch bei großen Flotten (50+ Boote)
  • Klare Funkkommunikation mit Markenbooten und Regatta-Büro
  • Schnelle Streckenanpassung bei Winddrehern oder -ausbrüchen
  • Deeskalation bei Konflikten auf dem Wasser (ohne in Jury-Entscheidungen einzugreifen)
  • Dokumentation von Vorfällen für spätere Protest-Verfahren

Wichtig: Der PRO darf während einer Regatta nicht gleichzeitig Mitglied der Protest-Jury sein. Diese Trennung sichert die Unabhängigkeit der Jury-Entscheidungen und ist in den RRS verbindlich vorgeschrieben.

Aufbau eines Race Committees

Die Größe und Struktur des RC hängt vom Event ab. Eine Club-Jollenregatta mit 20 Booten benötigt ein schlankes Team; eine internationale Meisterschaft mit mehreren Klassen und parallelen Bahnen erfordert ein deutlich größeres Setup.

Position
Hauptaufgabe
Typischer Standort
Event-Größe
Principal Race Officer (PRO)
Gesamtleitung, Startsequenz, strategische Entscheidungen
Committee Boat (stb. Back)
Alle Events
Assistant Race Officer (ARO)
Startlinie überwachen, OCS melden, Recall-Signale
Committee Boat oder Pin-End-Boot
Ab ca. 15 Booten
Markenboot-Crew
Marken setzen, Position halten, Bootsnummern notieren
Windward Mark, Gate, Pin-End
Alle Events mit Rundungsmarken
Zeitnehmer
Start- und Zielzeiten, Rundungszeiten bei Bedarf
Committee Boat, Zielflagge
Ab ca. 30 Booten oder Handicap
Sicherheitsfahrzeug
Rettungsbereitschaft, Abschleppen, Funkkontakt mit PRO
Streifend im Regattagebiet
Pflicht bei größeren Events
Radio Network Officer
Funkfrequenzen koordinieren, Kommunikation sicherstellen
Committee Boat
Internationale Events

RC-Größe nach Event-Typ

Rolle
Club-Regatta (5–8 Personen)
Nationale Meisterschaft (15–25 Personen)
Internationale WM (30–50+ Personen)
PRO
1 Person
1 Person + Stellvertreter
1 PRO + Deputy PRO
ARO
0–1 Person
2–4 Personen
4–8 Personen
Markenboote
2–3 Boote
4–6 Boote
8–12+ Boote
Zeitnehmer
Optional
2–3 Personen
Dediziertes Team
Sicherheit
1 Boot
2–3 Boote
Vollständige Flotte

Typischer Tagesablauf des Race Committees

Ein Regattatag folgt einem strukturierten Ablauf, der bereits am Vorabend oder frühen Morgen beginnt:

  1. Wetterbriefing: PRO und Event-Leitung werten Wetterprognose, Radar und lokale Beobachtungen aus
  2. Streckenbesprechung: Festlegung der Bahn, Markenpositionen und Startverfahren – oft im Morgenbriefing mit den Teilnehmern
  3. Aufbau der Bahn: Markenboote fahren aus, Committee Boat positioniert sich an der Startlinie
  4. Warnsignal und Vorbereitung: PRO gibt die vereinbarte Vorwarnzeit (typisch 5–10 Minuten vor Start)
  5. Startsequenz: Countdown mit Flaggen und Horn gemäß SI
  6. Rennenüberwachung: Beobachtung der Flotte, Anpassung der Marken bei Bedarf
  7. Zielfahrt: Letztes Boot über die Ziellinie, Sicherheitsfahrzeuge bleiben im Einsatz
  8. Ergebnismeldung: Zeiten an den Ergebnisdienst, Bekanntgabe der vorläufigen Resultate
  9. Nachbesprechung: RC-Debriefing, Dokumentation von Vorfällen für die Jury

RC-Tagesablauf im Überblick

1
Wetterbriefing
2
Streckenplanung
3
Bahnaufbau
4
Warnsignal
5
Startsequenz
6
Rennenüberwachung
7
Zielfahrt
8
Ergebnismeldung
9
Debriefing

Startsequenz und Signale

Die Startsequenz ist die sichtbarste Aufgabe des PRO. Sie folgt den in den SI definierten Signalen – meist dem olympischen Startverfahren mit 5-4-1-0-Start oder Varianten mit U-Flag und Black Flag.

Standard-Olympic-Start (vereinfacht)

  • 5 Minuten vor Start: Klasse- oder Regatta-Flagge hoch, ein Ton
  • 4 Minuten vor Start: P-Flagge (Vorbereitung) hoch, ein Ton
  • 1 Minute vor Start: P-Flagge runter, ein Ton
  • Start: Klasse-Flagge runter, ein lang Ton

Bei Individual Recall und General Recall reagiert das RC mit den vorgeschriebenen Signalen: X-Flagge für Individual Recall, First Substitute für General Recall. Der PRO muss diese Signale klar und ohne Verzögerung setzen – jede Unklarheit führt zu Protesten und Frustration in der Flotte.

Olympic-Startsequenz – Timeline

-5 Min
Klassenflagge hoch + ein Ton
-4 Min
P-Flagge hoch + ein Ton
-1 Min
P-Flagge runter + ein Ton
0
Start – Klassenflagge runter + ein langer Ton

Committee Boat und Ausrüstung

Die Committee Boat ist das Kommandozentrum des RC. Auf internationalen Events ist es oft ein dediziertes Motorboot mit erhöhter Achterplattform; bei Club-Regatten genügt häufig ein festgemachtes Boot oder ein RIB mit guter Sicht auf die Startlinie.

Pflichtausrüstung auf der Committee Boat:

  • Vollständiger Flaggensatz gemäß RRS Appendix G
  • Hornsignal-Gerät (Luft- oder elektrisch) mit ausreichender Schallstärke
  • Funkgeräte für alle Markenboote und Sicherheitsfahrzeuge
  • GPS und Kompass für Streckenplanung
  • Fernglas und ggf. Videokamera für OCS-Dokumentation
  • Wetternotizen, SI-Ausdruck, Startlisten
  • Erste-Hilfe-Set und Rettungswesten für die Crew

Committee-Boat-Inspektion vor dem ersten Start

  • Flaggensatz vollständig und lesbar
  • Horn funktionsfähig
  • Funk auf korrekter Frequenz
  • GPS-Koordinaten der Startlinie gespeichert
  • SI-Ausdruck an Bord
  • Startlisten aktuell
  • Rettungswesten für RC-Crew
  • Sicht auf gesamte Startlinie und erste Windward-Mark-Zone

Kommunikation mit den Teilnehmern

Klare Kommunikation ist die halbe Miete für ein reibungsloses Rennen. Das RC kommuniziert über drei Kanäle:

Flaggen und Horn: Primärer Kanal während der Wettfahrt. Alle Teilnehmer müssen die Signale kennen und beobachten – auch wenn ein Funkempfang an Bord möglich ist.

Funk (VHF): Für Markenboote, Sicherheitsfahrzeuge und gelegentliche Durchsagen an die Flotte. Die Frequenz steht in den SI. Der PRO spricht knapp und wiederholbar – lange Ansagen über Funk sind im Rennen unüblich.

Notice Board und Online-Portal: Änderungen an SI, Streckenanpassungen und Ergebnisse werden am Notice Board und zunehmend über Regatta-Apps veröffentlicht. Das RC meldet Vorfälle und Protest-relevante Beobachtungen an die Jury schriftlich.

Tipp: Segler sollten vor jedem Start die aktuelle SI-Version und eventuelle Amendments am Notice Board prüfen. Das RC kann die Bahn bis kurz vor dem Warnsignal ändern – wer nicht liest, segelt die falsche Strecke.

Entscheidungen bei schwierigen Bedingungen

Der PRO trägt die Verantwortung für sichere und faire Bedingungen. Die schwierigsten Entscheidungen betreffen:

Postponement (AP-Signal)

Wenn Wind, Wellen, Sicht oder Strömung ein faires Rennen verhindern, setzt der PRO die Answering Pennant (AP) und verschiebt den Start. Mehrere AP-Signale hintereinander sind möglich. Details zu Signalen und Ablauf: AP, Postponement und Abbruch.

Abbruch während des Rennens

Bei plötzlicher Gewitterfront, Nebel oder Unfall setzt der PRO Abbruchsignale (N- oder A-Flagge plus drei Töne). Die Wertung des abgebrochenen Rennens richtet sich nach den SI und dem Scoring-System.

Streckenänderung während des Rennens

Der PRO darf die Bahn ändern, wenn dies in den SI vorgesehen ist (z. B. „PRO may move marks"). Die Änderung muss allen Booten mitgeteilt werden – per Funk, Flagge oder Sicherheitsboot. Eine unkommunizierte Markenverschiebung ist ein häufiger Grund für Redress-Anträge.

Situation
PRO-Entscheidung
Signal
Wertungsfolge (typisch)
Zu wenig Wind
Postponement
AP hoch + 2 Töne
Neuer Starttermin, kein Wertungsrennen
Sturmwarnung während Rennen
Abbruch
N-Flagge + 3 Töne
Rennen wird nicht gewertet (SI-abhängig)
Winddreher > 30°
Marken verschieben oder neues Rennen
Funk + ggf. AP
Je nach SI: Weiterfahren oder Neustart
Boot kentert, Crew in Sicherheit
Rennen läuft weiter
Kein Abbruch
Sicherheitsboot assistiert, RC dokumentiert
Schwerer Unfall mit Verletzung
Abbruch oder Aussetzen
N-Flagge + 3 Töne
SI und Jury entscheiden über Wertung

RC und Protest-Jury: klare Trennung

Das Race Committee und die Protest-Jury arbeiten Hand in Hand, sind aber strikt getrennt:

  • Das RC beobachtet und dokumentiert Vorfälle, entscheidet aber nicht über Proteste
  • Die Jury führt Hearings durch und trifft Urteile gemäß Racing Rules of Sailing
  • Der PRO kann als Zeuge in einem Protest-Hearing geladen werden
  • RC-Mitglieder, die ein Ereignis beobachtet haben, stellen schriftliche Berichte für die Jury bereit

Warnung: Ein PRO, der auf dem Wasser eine Regelverletzung kommentiert oder eine Strafe „ankündigt", überschreitet seine Befugnis. Nur die Protest-Jury kann Strafen aussprechen – das RC meldet und dokumentiert.

Best Practices für Organisatoren und PROs

Für Veranstalter

  • Stelle das RC-Team mindestens sechs Wochen vor dem Event zusammen
  • Organisiere ein RC-Briefing am Vorabend mit SI-Durchsprache
  • Sichere ausreichend Markenboote und Funkgeräte – Engpässe kosten Renntage
  • Plane einen Ersatz-PRO für den Fall von Krankheit oder Unwetter

Für angehende PROs

  • Beginne als ARO oder Markenboot-Crew bei Club-Regatten
  • Absolviere Race-Officer-Kurse beim DSV oder World Sailing
  • Beobachte erfahrene PROs bei nationalen Events als Schatten-Officer
  • Studiere Protest-Entscheidungen – sie zeigen, wo RC-Dokumentation fehlte

Für Segler

  • Beobachte die Committee Boat und ihre Signale konstant
  • Kenne die SI für dein Event – insbesondere Startverfahren und Protestfristen
  • Reagiere sofort auf Recall-Signale; zögern kostet Platzierungen
  • Melde Beobachtungen zeitnah an deinen Coach oder Protest-Beauftragten

RC-Entscheidungen bei Großevents (typische Verteilung)

85 % – Reguläre Starts

Normale Startsequenz ohne Verschiebung oder Abbruch.

10 % – Postponements

AP-Signal wegen ungeeigneter Bedingungen vor dem Start.

3 % – Abbrüche

N- oder A-Flagge während des Rennens wegen Gefahr.

2 % – Streckenänderungen

Markenverschiebung oder Bahnanpassung während des Rennens.

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