Regelwerk für Regattasegler
Die Racing Rules of Sailing – kurz RRS – sind das internationale Regelwerk für Wettfahrten unter Segeln. Sie werden von World Sailing herausgegeben und gelten bei praktisch jeder anerkannten Regatta weltweit: vom Optimist-Clubrennen über die Kieler Woche bis zu Olympia und America's Cup. Wer Regattasegeln ernsthaft betreibt, muss die RRS nicht auswendig kennen – aber die Grundprinzipien, die wichtigsten Regeln und den Zusammenhang mit Ausschreibung und Segelanweisungen sind Pflichtwissen.
Die RRS regeln drei zentrale Bereiche: faires Maneuvrieren auf dem Wasser, Durchführung von Regatten durch den Veranstalter und Protest- sowie Strafverfahren bei Regelverstößen. Sie ersetzen nicht die nationalen Schifffahrtsvorschriften (KVR, COLREGs), sondern gelten zusätzlich auf der Wettfahrstrecke – solange die Regatta läuft und die Boote in Wettfahrt sind.
Aufbau und Struktur der RRS
Das Regelwerk ist in elf Teile (Parts A–K) gegliedert. Jedes Teil behandelt einen klar abgegrenzten Bereich. Die aktuelle Fassung gilt typischerweise vier Jahre lang und wird quadrennial überarbeitet – synchron mit dem olympischen Zyklus.
Die elf Teile im Überblick
- Part A – General – Geltungsbereich, Definitionen, Grundprinzipien
- Part B – Conduct of Boats in a Race – Kernregeln beim Segeln (Teil 2)
- Part C – Match Racing Rules – Spezialregeln für Match Racing
- Part D – Team Racing Rules – Spezialregeln für Team Racing
- Part E – Radio Communication Rules – Funkregeln
- Part F – Protest Procedures – Protestverfahren und Schiedsverfahren
- Part G – Scoring – Wertung und Strafpunkte
- Part H – Measurement and Rating – Vermessung und Rating
- Part I – Eligibility Code – Startberechtigung
- Part J – Sailors' Code – Verhaltenskodex
- Part K – Equipment Rules of Sailing – Materialregeln (ERS)
RRS-Struktur im Überblick
Für die große Mehrheit der Regattasegler sind Part A, Part B (Teil 2) und Part F am wichtigsten. Match- und Team-Racing-Regeln greifen nur, wenn die Notice of Race und Sailing Instructions das ausdrücklich vorsehen.
Teil 2: When Boats Meet – das Herzstück
Teil 2 in Part B regelt, wie Boote einander begegnen. Hier liegen die Regeln, die auf dem Wasser ständig relevant sind – am Wind, ab dem Wind, an Marken und am Start.
Grundprinzipien von Teil 2
Die wichtigsten Regeln in Teil 2 betreffen Vorfahrt (Rule 10–13), faires Manövrieren (Rule 14–17), Marken (Rule 18) und Strafen (Rule 21, 44). Besonders häufig relevant sind:
- Rule 10 – Am-Wind-Boot hat Vorfahrt vor Raum-Wind-Boot
- Windward gives way to Leeward – Lee-Boot hat Vorfahrt vor Luv-Boot bei Overlap
- Rule 14 – Kontakt vermeiden, auch mit Vorfahrt
- Rule 18 – Mark-Room für das Inside-Boot an der Marke
- Rule 44 – Selbststrafe statt Protest-Risiko
Wichtig: Die berühmteste Formulierung steht in Rule 14: Auch ein Boot mit Vorfahrt muss alles vernünftigerweise Erwartbare tun, um Kontakt zu vermeiden.
Ausführliche Erklärungen zu den wichtigsten Begegnungsregeln findest du unter Grundregeln und Recht-vor-Weg. Rule 18 – die komplexeste Regel bei Markenrundungen – wird im Detail in Rule 18 und Markenrundungen behandelt.
Vorfahrt und Raum – Begriffe verstehen
In den RRS sind präzise Definitionen entscheidend. Drei Begriffe tauchen ständig auf:
- Right of Way (Vorfahrt) – Ein Boot muss nicht ausweichen; das andere Boot ist keep clear (Ausweichpflicht)
- Room – Raum auf dem Wasser, den ein Boot braucht, um zu manövrieren
- Mark-Room – Spezieller Raum an einer Marke zum Segeln um diese herum
Vorfahrt bei gleichem Hals – Ablauf
RRS und Regatta-Dokumente: Wer gilt wann?
Die RRS allein reichen nicht aus. Jede Regatta wird durch zwei weitere Dokumente konkretisiert:
- Notice of Race (NoR) – Ausschreibung: Was, wann, wo, welche Klasse, welches Format
- Sailing Instructions (SI) – Segelanweisungen: Startverfahren, Strecken, Zeitlimits, Sonderregeln
- Class Rules – Klassenregeln bei One-Design-Booten (Material, Besatzung, Rigging)
- Equipment Rules of Sailing (ERS) – Teil K der RRS für Material und Vermessung
Grundregel der Hierarchie: Wenn NoR, SI oder Class Rules von den RRS abweichen, gilt die speziellere Regel – aber nur, wenn die Abweichung in NoR oder SI ausdrücklich erlaubt und korrekt formuliert ist. Das ist ein häufiger Fehler bei Veranstaltern und ein wichtiger Prüfpunkt vor dem Start.
Tipp: Lies vor dem ersten Start die SI komplett durch. Startverfahren (Black Flag, U-Flag, Individual Recall), Streckenbeschreibung und Protest-Zeitlimit stehen dort – nicht in Teil 2 der RRS.
Strafen, Proteste und Wertung
Verstöße gegen Teil 2 führen typischerweise zu Disqualifikation für die Wettfahrt (DSQ), sofern kein Strafverfahren erfolgt. Das Standard-Strafverfahren ist die 720°-Strafe (zwei aufeinanderfolgende Wendungen) oder Scoring Penalty bei größeren Booten – beides unter Rule 44.
Typische Strafen im Überblick
Mehr zu Markenstrafen und Durchführung: Markierungsrundungen und Strafen.
Wird ein Verstoß nicht selbst bestraft und von der gegnerischen Crew beobachtet, folgt ein Protest. Das Verfahren ist in Part F geregelt – von der Protest-Flagge über die Beweislast bis zum Hearing vor der Jury. Der praktische Ablauf nach dem Rennen wird in Nach dem Rennen: Protest und Ergebnis beschrieben; die formalen Schritte unter Protestverfahren.
Warnung: Das Protest-Zeitlimit ist in den SI festgelegt – oft 90 Minuten nach letztem Boot im Ziel. Versäumst du die Frist, ist der Protest unzulässig, egal wie klar der Verstoß war.
Aktualisierungszyklus und aktuelle Fassung
World Sailing überarbeitet die RRS alle vier Jahre. Die Fassung 2021–2024 brachte unter anderem Anpassungen bei Rule 18, Startregeln und dem Umgang mit Video-Beweisen. Die Fassung 2025–2028 tritt nach dem olympischen Zyklus in Kraft und wird durch das World Sailing Racing Rules Committee erarbeitet.
RRS-Überarbeitungen: Alle vier Jahre neue Fassung (2017, 2021, 2025) – Trend zu Video-Evidence und klaren Mark-Room-Definitionen.
Segler, die international starten, sollten die aktuelle Fassung als PDF bei World Sailing herunterladen und Part A (Definitionen) sowie Teil 2 markieren.
Praxis: RRS im Regattaalltag
An der Startlinie gelten Rule 26 und die SI (OCS, Recall, Black Flag). An Marken entscheidet oft Rule 18 über Platz und Ergebnis – Inside Overlap rechtzeitig erwirben oder Mark-Room riskieren. Nach dem Rennen gilt: Protestfrist in SI prüfen, bei Verdacht Flagge führen und Hearing vorbereiten (Skizze, Zeugen).
Checkliste: RRS-Vorbereitung vor der Regatta
Vor dem Event
- Aktuelle RRS-Fassung als PDF oder App verfügbar
- Notice of Race gelesen und verstanden
- Sailing Instructions komplett durchgearbeitet
- Startverfahren und Recall-System geklärt
- Protest-Zeitlimit und Protest-Büro-Standort notiert
- Class Rules und ERS bei Materialfragen parat
An Bord während der Wettfahrt
- Protest-Flagge griffbereit
- Bei Verstoß 720°-Strafe erwägen (Rule 44)
- Kontakt vermeiden (Rule 14)
- Begegnungen laut ansagen
Nach der Wettfahrt
- Innerhalb der Protest-Frist handeln
- Skizze der Situation anfertigen
- Crew-Zeugen identifizieren
- Ergebnisliste und Protest-Entscheidungen prüfen
Lernen und Vertiefen
RRS lernen gelingt am besten über Regelkurse im Verein, Protest-Hearings als Zuhörer und das World-Sailing-Case-Book. Der Deutsche Segler-Verband DSV bietet dafür etablierte Ausbildungswege.
Häufige Fragen (FAQ)
Gelten RRS auch beim Freizeitsegeln?
Nein, nur bei Wettfahrten mit ausdrücklicher RRS-Anwendung.
Was ist wichtiger: RRS oder SI?
SI konkretisiert; korrekt abweichende SI-Regeln haben Vorrang.
Wo finde ich die aktuelle Fassung?
Auf sailing.org unter Racing Rules of Sailing.