Kurse und VMG

Kurs und VMG (Velocity Made Good) sind zwei Begriffe, die in jedem Regatta-Briefing, jedem Taktikgespräch und auf jedem Instrumentenbord auftauchen – und die oft verwechselt werden. Der Kurs beschreibt, wohin das Boot fährt und in welchem Winkel der Wind auf Bug und Segel trifft. VMG misst, wie schnell du dich tatsächlich in Richtung deines Ziels bewegst – nicht wie schnell das Boot über Grund segelt.

Wer Kurse und VMG sicher unterscheidet, trifft bessere Entscheidungen am Wind, wählt auf der Vor-Wind-Bahn den optimalen Winkel und versteht, warum ein scheinbar langsameres Boot trotzdem schneller zur Marke kommt. Dieser Leitfaden erklärt beide Konzepte von Grund auf, zeigt praktische Anwendungen in der Regatta und liefert Checklisten für Steuermann, Taktiker und Trimmer.

Was ist ein Kurs im Regattasegeln?

Ein Segelkurs ist die Richtung, in die der Bug zeigt, gemessen relativ zur Windrichtung (True Wind) oder relativ zu einem Ziel (Markierung, Gate, Ziellinie). In der Regattapraxis unterscheidet man:

  1. Kurs relativ zum Wind – Am-Wind, Halbwind, Raum-Wind, Vor-Wind (siehe Am-Wind und Raum-Wind)
  2. Kurs relativ zum Ziel – Layline, Overstand, Direktfahrt zur Marke
  3. Kurs über Grund (COG) – tatsächliche Fahrtrichtung unter Berücksichtigung von Strom und Abdrift

Der True Wind Angle (TWA) ist das zentrale Maß: Er gibt an, unter welchem Winkel der wahre Wind auf den Bug trifft. TWA 0° wäre direkt von vorn (unsegelbar), TWA 45° ist typisches Am-Wind, TWA 90° Halbwind, TWA 135° Raum-Wind, TWA 180° reines Vor-Wind.

Kurs vs. Geschwindigkeit vs. VMG

Viele Einsteiger optimieren die Bootsgeschwindigkeit (SOG/BSP) – und wundern sich, warum sie trotzdem Plätze verlieren. Entscheidend ist nicht immer die höchste Geschwindigkeit über Grund, sondern die Effektivität in Zielrichtung. Genau das misst VMG.

Begriff
Abkürzung
Bedeutung
Typische Anzeige
Bootsgeschwindigkeit
BSP / SOG
Geschwindigkeit über Wasser bzw. Grund
6,8 kn
True Wind Angle
TWA
Winkel Wind zu Bug
42°
Velocity Made Good
VMG
Komponente der Geschwindigkeit in Zielrichtung
4,2 kn VMG zum Wind
Course Over Ground
COG
Tatsächliche Fahrtrichtung über Grund
315°

Kurs-Dreieck am Wind: Drei Vektoren bilden das Bild: Windpfeil von oben (True Wind), Bootssymbol schräg (Bug-Richtung = Kurs), dritter Pfeil horizontal zur Windrichtung = VMG-Komponente. BSP verläuft entlang des Bugs, VMG senkrecht zur Windlinie, TWA ist der Winkel zwischen Wind und Bug.

VMG – Velocity Made Good erklärt

VMG (Velocity Made Good, deutsch oft: Effektivgeschwindigkeit) ist die Geschwindigkeitskomponente in eine definierte Zielrichtung. Mathematisch: VMG = Bootsgeschwindigkeit × cos(Winkel zwischen Kurs und Zielrichtung).

VMG zum Wind (Upwind VMG)

Am Wind ist das Ziel nicht die Marke direkt – das Boot kann nicht in den Wind segeln – sondern die Windrichtung selbst (bzw. die Windward-Marke als Punkt windwärts). VMG zum Wind gibt an, wie schnell du windwärts vorankommst.

Typisches Szenario: Ein ILCA segelt mit 5,5 kn BSP bei TWA 42°. Die VMG zum Wind liegt bei etwa 4,1 kn – deutlich weniger als BSP, aber genau dieser Wert entscheidet, wer zuerst die Windward-Marke erreicht.

VMG zum Ziel (Downwind VMG)

Vor Wind ist das Ziel die Leeward-Marke oder das nächste Gate. Hier gilt: Ein flacherer Kurs (Wing-on-Wing, breiter TWA) liefert oft mehr BSP, ein steilerer Kurs (by the lee, höherer TWA) kann aber die VMG zur Marke verbessern – je nach Bootsklasse, Polars und Wellen.

Wichtig: VMG ist immer richtungsbezogen. „VMG 4,5 kn" ohne Angabe der Zielrichtung (zum Wind, zur Marke, zum Gate) ist wertlos. Instrumente zeigen daher getrennt: VMG Wind und VMG Course.

Die wichtigsten Kurslagen in der Regatta

Kurslage
TWA (Richtwert)
VMG-Priorität
Typisches Manöver
Am-Wind (Close-Hauled)
30°–45°
VMG zum Wind maximieren
Wenden (Tack)
Halbwind (Close Reach)
60°–90°
BSP und Layline balancieren
Feintrim, leichte Kurskorrekturen
Raum-Wind (Broad Reach)
90°–150°
Druck und Geschwindigkeit halten
Gates ansteuern, Halsen selten
Vor-Wind (Run / Downwind)
150°–180°
VMG zur Marke maximieren
Halsen (Gybe), Winkelwechsel

Auf einer klassischen Windward-Leeward-Bahn wechseln sich Am-Wind- und Vor-Wind-Kurse ab. Reach-Legs kommen bei Trapez- oder Olympiastrecken hinzu. Wer die VMG-Optimierung für jede Leg beherrscht, gewinnt oft mehr Plätze als mit reinem Manövertraining.

1
Start (Am-Wind) – VMG zum Wind von Beginn an optimieren
2
Windward-Marke (Wenden) – VMG-kritischer Entscheidungspunkt
3
Vor-Wind-Leg – VMG-Winkel wählen, nicht nur BSP maximieren
4
Leeward-Gate (Gybe/Halse) – VMG-kritische Gate-Wahl
5
Erneut Am-Wind – VMG-Optimierung auf der zweiten Windward-Leg

VMG und Polars – der Zielwinkel pro Bootsklasse

Jede Bootsklasse hat charakteristische Polars (Geschwindigkeitstabellen nach TWA und Windstärke). Daraus leitet sich der Target TWA ab – der Winkel, bei dem VMG maximiert wird.

Upwind-Target-Winkel

  1. Planende Dinghies (49er, 29er): oft steiler (TWA 38°–42°), VMG leidet bei zu flachem Kurs stark
  2. ILCA / Laser: TWA 40°–45° je nach Rig und Windstärke, Feintrim entscheidend
  3. Kielboote (J/70, Dragon): TWA 42°–48°, mehr Abdrift, Strom beeinflusst COG
  4. Katamarane / Foiler: extrem klassenspezifisch; Foiling-Klassen haben eigene Polar-Kurven

Downwind-Target-Winkel

Vor Wind gilt oft: Der schnellste BSP-Winkel ist nicht automatisch der beste VMG-Winkel. Viele Klassen segeln mit TWA 140°–155° schneller zur Marke als mit 170°–180°, weil mehr Druck in den Segeln und bessere Kontrolle möglich sind.

Tipp: Trainiere den optimalen VMG-Winkel mit Two-Boat-Testing: Gleiche Bedingungen, unterschiedliche TWAs fahren, GPS-Tracks vergleichen. Nach zehn Minuten pro Winkel zeigt sich der Target-Winkel oft klarer als jede Polar-Tabelle.

Kurswahl und taktische Entscheidungen

VMG allein ist kein Ersatz für Taktik – aber schlechte VMG zerstört jede Taktik. Die wichtigsten Zusammenhänge:

Am Wind: Lifted vs. Headed

  1. Lifted tack (Kurs zum Wind gedreht): länger halten, VMG zum Wind steigt oft
  2. Header (Kurs vom Wind weg): früher wenden, sonst VMG-Verlust und schlechtere Position
  3. Layline-Management: Zu früh auf Layline = VMG-Verlust durch Kursstreckung und Dirty Air

Details zu Manövern beim Kurswechsel: Halsen und Wenden

Vor Wind: Winkel vs. Pressure

  1. Mehr Winddruck (Pressure) rechtfertigt oft flacheren Kurs und höheres BSP
  2. Weniger Druck: steilerer Kurs (by the lee) kann VMG zur Marke retten
  3. Wellen: Surfen erhöht BSP kurzzeitig – VMG-Spitzen nutzen, Kurs danach wieder stabilisieren

Blindlings dem Polar-Target-TWA folgen, ohne Strom, Wellen und Fleet-Position zu berücksichtigen, kostet regelmäßig Plätze. VMG-Optimierung ist immer situativ.

Instrumente und VMG-Anzeige

Moderne Regatta-Boote zeigen VMG auf Displays, Apps oder Wetternetzwerk-Systemen. Wichtige Begriffe:

  • VMG Wind – Fortschritt in Windrichtung (Upwind/Downwind-Bezug)
  • VMG Course – Fortschritt in Richtung eines eingegebenen Waypoints (Marke, Gate)
  • Target BSP / Target TWA – Sollwerte aus Polars für aktuelle Windstärke
  • Performance (%) – Ist-VMG im Vergleich zur Polar-Vorgabe

VMG-Unterschied Top 5 vs. Mittelfeld: Typische Regatta: Top-5-Fleet VMG Upwind 4,2–4,5 kn bei 12 kn Wind; Mittelfeld 3,6–3,9 kn. Differenz 0,5 kn VMG = ca. 30–60 m Vorsprung pro Minute am Wind. Der VMG-Gap vergrößert sich auf langer Windward-Leg.

Ohne Instrumente: VMG spüren

Auch ohne GPS hilft VMG-Denken:

  1. Am Wind: Segeln die Telltales stabil? Fühlt sich das Boot „starr" oder „lebendig" an? Zu flach = schlechter VMG zum Wind
  2. Vor Wind: Erreichst du die Marke schneller mit leichtem Winkelwechsel? Vergleiche mit Trainingspartnern an derselben Höhe
  3. Nach Regatta: Tracks analysieren – wo war VMG-Einbruch (schlechte Wende, falsche Layline, falsches Downwind-Winkel)?

Häufige Fehler bei Kurs und VMG

  1. Zu flach am Wind – hohes BSP, schlechte VMG zum Wind, Layline zu spät
  2. Zu steil am Wind – gute VMG kurzfristig, aber zu langsam, Fleet überholt
  3. Direkt vor Wind segeln (TWA 175°+) – oft schlechter VMG zur Marke als mit 145°–155°
  4. Kurs mit COG verwechseln – bei Strom segelst du anderen Kurs als der Bug zeigt
  5. Manöver ohne VMG-Kosten rechnen – jede Wende kostet 2–4 Bootslängen VMG-Verlust

Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Kurs und TWA?

Kurs ist Fahrtrichtung, TWA der Winkel Wind zu Bug.

Kann VMG größer als BSP sein?

Nein, VMG ist immer Komponente ≤ BSP.

Welcher TWA ist am schnellsten?

Klassenspezifisch, steht in Polars.

VMG Wind oder VMG Course am Wind?

VMG Wind für Windward-Leg.

Wie trainiere ich VMG?

Two-Boat-Testing und GPS-Auswertung.

Checkliste: VMG in der Regatta optimieren

Vor dem Start

  • Target TWA und Target BSP für heutige Windstärke notiert (Polar / Erfahrungswerte)
  • Instrumente kalibriert (Wind, GPS, ggf. Strom)
  • Steuermann und Taktiker einigen sich auf VMG-Kommunikation („flacher" / „steiler")

Am Wind (Windward-Leg)

  • Target TWA halten, nicht nur BSP maximieren
  • Lifted/Header beobachten und Kurs anpassen
  • Layline nicht zu früh ansteuern – VMG leidet bei Overstand und in Dirty Air
  • Wendekosten im Kopf behalten: nur wenden mit taktischem oder VMG-Gewinn

Vor Wind (Leeward-Leg)

  • VMG-Winkel testen (nicht automatisch 180° TWA)
  • Pressure suchen, Kurs entsprechend anpassen
  • Gybe/Halse planen, wo VMG-Einbruch minimal ist

Nach dem Rennen

  • GPS-Track auf VMG-Einbrüche prüfen
  • Mit Crew debriefen: Wo war der Kurs zu flach oder zu steil?
  • Erkenntnisse für nächste Regatta dokumentieren

VMG im Crew-Kontext

Steuermann, Taktiker und Trimmer teilen die Verantwortung für VMG:

  1. Steuermann – hält Kurs und Target TWA, führt Manöver aus
  2. Taktiker – entscheidet, wann Kurswechsel (Wende, Gybe) VMG und Position verbessert
  3. Trimmer – optimiert Segel so, dass Target BSP bei Target TWA erreichbar bleibt

Klare Kommandos helfen: „Steiler zwei Grad" oder „Flacher für VMG" sind präziser als „schneller segeln". Mehr zur Crew-Kommunikation im Regatta-Ablauf: Vom Start bis zum Zieleinlauf

Kurs-Optimierung Upwind vs. Downwind

Aspekt
Upwind (Am-Wind)
Downwind (Vor-Wind)
VMG-Bezug
VMG zum Wind
VMG zur Marke
Target TWA
Steiler (30°–45°)
Variabler (140°–155° oft optimal)
Typisches Manöver
Wenden, Layline-Management
Gybes, Pressure suchen
Entscheidungsfaktor
Lift/Header, Layline
Winddruck, Winkelwechsel

Zusammenfassung

Kurs beschreibt, wohin und unter welchem Windwinkel du segelst. VMG misst, wie effektiv du in Richtung deines Ziels vorankommst – am Wind zur Windward-Marke, vor Wind zum Gate. Beide Konzepte zusammen bilden die Grundlage jeder taktischen und technischen Entscheidung auf der Regattabahn.

Wer VMG versteht, segelt nicht mehr „blind schnell", sondern zielgerichtet. Das unterscheidet Mittelfeld von Podium – unabhängig davon, ob du Optimist, ILCA, 49er oder J/70 segelst.

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