Individual Recall und General Recall

Wenn bei einem Regattastart Boote die Startlinie zu früh oder auf der falschen Seite überqueren, greift die Wettkampfleitung mit gezielten Recall-Verfahren ein. Individual Recall und General Recall sind zwei zentrale Instrumente, um faire Starts zu sichern, ohne jedes Rennen wegen kleiner Fehler sofort abzubrechen. Wer diese Signale kennt, reagiert richtig – und vermeidet kostspielige Disqualifikationen.

Was bedeutet Recall beim Regattastart?

Unter einem Recall versteht man das Zurückrufen von Booten, die den Start nicht regelkonform vollzogen haben. Die Racing Rules of Sailing (RRS) unterscheiden in Regel 29 zwei Verfahren:

  1. Individual Recall (Regel 29.1) – nur die betroffenen Boote müssen zurück
  2. General Recall (Regel 29.2) – die gesamte Flotte startet neu

Beide Verfahren setzen voraus, dass die Segelanweisungen (Sailing Instructions, SI) ein Recall-Verfahren vorsehen – was bei praktisch allen Fleet-Racing-Regatten der Fall ist.

Wichtig: Individual Recall und General Recall gelten nur, wenn in den Segelanweisungen kein anderes Startverfahren (z. B. Black Flag oder U-Flag) für diesen Start festgelegt ist. Die SI haben immer Vorrang vor allgemeinem Wissen.

Individual Recall – gezielter Rückruf einzelner Boote

Wann wird Individual Recall gegeben?

Die Wettkampfleitung (Race Committee) gibt Individual Recall, wenn mindestens ein Boot On Course Side (OCS) war – also die Startlinie von der falschen Seite überquert hat oder die Linie berührt hat, während es noch auf der Pre-Start-Seite war –, aber nicht alle Boote betroffen sind.

Typische Situationen:

  • Ein oder wenige Boote drücken zu früh über die Linie
  • Ein Boot touchiert die Linie bei laufender Startuhr
  • Die Mehrheit der Flotte startet sauber, einzelne Segler sind zu aggressiv

Signale bei Individual Recall

Signal
Bedeutung
Zeitpunkt
Flagge X (blau mit weißem Kreuz)
Individual Recall ist aktiv
Unmittelbar nach dem Startsignal, wenn OCS festgestellt wurde
Ein Schallzeichen
Verstärkt die optische Anzeige
Gleichzeitig mit Flagge X
Flagge X bleibt gesetzt
Rückruf-Frist läuft
Bis zur in den SI genannten Zeit (oft 1 Minute) oder bis alle OCS-Boote zurück sind
Flagge X wird eingeholt
Rückruf-Frist endet
Nach Ablauf der Recall-Zeit

Pflichten der betroffenen Segler

Boote, die wissen oder vernünftigerweise hätten wissen müssen, dass sie OCS waren, müssen:

  1. Sofort die Richtung ändern und zurücksegeln
  2. Die Startlinie von der Pre-Start-Seite erneut vollständig überqueren
  3. Den Start regelkonform neu vollziehen
  4. Dies alles innerhalb der Recall-Zeit erledigen (in den SI meist eine Minute nach dem Start)

Boote, die rechtzeitig zurückkehren und korrekt neu starten, erhalten keine Strafe für den vorzeitigen Start. Wer die Frist verpasst oder nicht zurücksegelt, wird ohne Hearing als Disqualifiziert (DSQ) gewertet.

Tipp: Auf der Wasserfläche gilt: Im Zweifel zurücksegeln. Die Kosten eines unnötigen Rücksegelns sind geringer als eine DSQ, die deine gesamte Regatta-Wertung ruinieren kann.

Wie erkenne ich, ob ich betroffen bin?

Nicht jedes Boot muss bei Flagge X zurück. Nur OCS-Boote sind verpflichtet. In der Praxis:

  • Warst du bei Startsignal noch hinter der Linie (von der Pre-Start-Seite gesehen)? → Du bist nicht betroffen
  • Hast du die Linie überquert oder berührt, bevor die Uhr auf Null lief? → Du bist betroffen
  • Unsicher? → Beobachte die Wettkampfleitung: Manche Komitees zeigen die Segelnummern betroffener Boote per Tafel oder Funk an

General Recall – Neustart für die gesamte Flotte

Wann wird General Recall gegeben?

Die Wettkampfleitung gibt General Recall, wenn sie entscheidet, dass alle Boote den Start neu vollziehen müssen. Gründe können sein:

  • Viele oder alle Boote waren OCS
  • Die Startlinie war unklar oder unfair positioniert
  • Ein Sicherheitsvorfall direkt beim Start
  • Starke Winddrehung oder Störung machte einen fairen Start unmöglich
  • Die Wettkampfleitung erkannte einen Fehler im eigenen Startverfahren

Signale bei General Recall

Signal
Bedeutung
Anmerkung
First Substitute (dreieckiges Wimpel-Signal)
General Recall
Internationales Flaggenalphabet, Erstes Ersatzzeichen
Zwei Schallzeichen
Verstärkung des optischen Signals
Kurz hintereinander
Anschließend: AP oder neues Startprogramm
Neustart wird angekündigt
Je nach SI und Situation

Bei General Recall müssen alle Boote zurücksegeln und den Start neu vorbereiten. Es gibt keine individuelle Strafe für den fehlerhaften ersten Start – das Rennen wird quasi „zurückgespult“.

Warnung: General Recall ist kein Freifahrtschein für aggressives Startverhalten. Wiederholte General Recalls durch eine chaotische Flotte können von der Wettkampfleitung mit strengeren Verfahren (Black Flag, U-Flag) beantwortet werden.

Individual Recall vs. General Recall im Vergleich

Kriterium
Individual Recall
General Recall
Regel
RRS 29.1
RRS 29.2
Flagge
X (blau/weiß)
First Substitute (Dreieck)
Schallzeichen
Eins
Zwei
Betroffene Boote
Nur OCS-Boote
Gesamte Flotte
Rennen läuft weiter?
Ja, für korrekt Gestartete
Nein, Neustart
Strafe bei Nichtbeachtung
DSQ für OCS-Boote nach Fristablauf
Keine Einzelstrafe, aber Neustart-Pflicht
Typischer Anlass
Einzelne Frühstarter
Viele OCS oder unfairer Start

Ablauf im Zeitablauf

Individual Recall – Prozessablauf

1
Startsequenz läuft
2
Startsignal (0 Sekunden)
3
OCS festgestellt
4
Flagge X + 1 Ton
5
OCS-Boote kehren zurück
6
Rennen läuft für alle korrekt Gestarteten weiter

General Recall – Prozessablauf

1
Startsignal
2
Viele/fehlende faire Starts
3
First Substitute + 2 Töne
4
Alle Boote zurück
5
Neue Startsequenz

Typische Startsequenz nach General Recall

Nach einem General Recall läuft in der Regel folgender Ablauf ab:

  1. Alle Boote segeln zurück in den Pre-Start-Bereich
  2. Die Wettkampfleitung setzt das Startprogramm fort oder zeigt AP (Answering Pennant) für eine kurze Verschiebung
  3. Eine neue Startsequenz beginnt – oft mit verkürzter Vorbereitungszeit
  4. Die Flotte startet erneut unter denselben oder angepassten Bedingungen

Praxisbeispiele aus dem Regatta-Alltag

Beispiel 1: Optimist-Regatta mit 40 Booten

Beim Start drücken drei Optimisten die Linie zwei Sekunden zu früh. Die restlichen 37 Boote sind sauber gestartet. Die Wettkampfleitung setzt Flagge X. Die drei betroffenen Boote kehren um, kreuzen die Linie von hinten erneut und starten nach. Das Rennen läuft für alle weiter – die drei Nachzügler haben lediglich Zeitverlust.

Beispiel 2: 49er-WM mit starker Strömung

Bei starkem Strom drücken über 80 Prozent der Flotte die Linie zu früh. Die Wettkampfleitung erkennt, dass ein fairer Wettbewerb mit nur wenigen korrekt gestarteten Booten nicht möglich ist. General Recall mit First Substitute. Nach zwei Minuten beginnt eine neue Startsequenz; die SI erlauben in diesem Fall ein verkürztes 5-4-1-Startprogramm.

Beispiel 3: J/70 Club-Regatta

Ein Boot touchiert die Linie exakt bei Startsignal – Grenzfall. Die Wettkampfleitung gibt Individual Recall. Das Boot segelt zurück, startet erneut und belegt am Ende Platz 12. Ohne Rücksegeln wäre es DSQ gewesen.

Checkliste für Segler bei Recall-Signalen

  • Flaggen an der Wettkampfleitung ständig im Blick behalten
  • Bei Flagge X: Sofort prüfen, ob das eigene Boot OCS war
  • Bei OCS: Unverzüglich umschlagen und Linie von hinten neu kreuzen
  • Recall-Zeit aus den SI kennen (meist 1 Minute)
  • Bei First Substitute: Sofort zurücksegeln, unabhängig von OCS-Status
  • Funk/Kommunikation der Wettkampfleitung beachten (Segelnummern-Ansagen)
  • Nach erfolgreichem Individual Recall: Fokus auf Taktik, nicht auf den Fehler fixieren
  • Nach General Recall: Startplan überdenken – was lief schief?

Häufige Fehler und wie du sie vermeidest

Fehler 1: Nicht zurücksegeln bei Unsicherheit

Viele Segler hoffen, „durchgerutscht“ zu sein. Die Wettkampfleitung entscheidet per Foto-Finish, Tracker oder Beobachtung. Im Zweifel zurück – das ist die sichere Strategie.

Fehler 2: Zu spätes Wenden nach Individual Recall

Die Recall-Zeit ist knapp. Wer erst nach 45 Sekunden reagiert, schafft den Rückweg oft nicht. Sofortiges Umschlagen direkt nach dem Signal ist Pflicht.

Fehler 3: General Recall ignorieren und weitersegeln

Auch wer sauber gestartet ist, muss bei General Recall zurück. Wer weitersegelt, riskiert schwere Proteste und Disqualifikation.

Fehler 4: Recall mit Black Flag verwechseln

Bei Black Flag gibt es kein Zurücksegeln – betroffene Boote werden direkt disqualifiziert. Die Signale und Konsequenzen sind grundverschieden.

Rolle der Wettkampfleitung

Die Race Committee trägt große Verantwortung bei der Recall-Entscheidung:

Bei Individual Recall muss sie schnell und zuverlässig OCS-Boote identifizieren. Moderne Regatten nutzen dafür:

  • GPS-Tracker und Live-Tracking
  • Kameras an der Startlinie
  • Beobachtungsboote an beiden Enden der Linie
  • Photo-Finish-Systeme bei großen Events

Bei General Recall muss sie abwägen: Lohnt sich ein Neustart, oder ist die Situation für einzelne Recalls geeignet? Zu viele General Recalls verzögern den Regatta-Tagesplan; zu wenige können ein unfairer Wettbewerb sein.

Statistik: Bei internationalen Dinghy-Regatten liegt die Rate an Individual Recalls bei etwa 15–25 % der Starts; General Recalls bei 3–8 %. Mit besserem Tracking werden Individual Recalls präziser, General Recalls seltener.

Recall im Zusammenhang mit anderen Startverfahren

Recall-Verfahren stehen nicht isoliert. Sie bilden eine Stufe in der Eskalationsleiter der Startkontrolle:

  1. Normaler Start mit Recall-Option (Regel 29)
  2. U-Flag-Start – erste Übertretung in der letzten Minute wird bestraft
  3. Black-Flag-Start – kein Zurücksegeln, sofortige DSQ bei Übertretung
  4. AP/Postponement – Startverschiebung bei ungeeigneten Bedingungen

Welches Verfahren gilt, steht in den Segelanweisungen und wird vor dem ersten Start im Briefing erklärt.

Häufige Fragen zu Individual Recall und General Recall

Muss ich zurück, wenn ich unsicher bin?

Im Zweifel ja bei Flagge X, wenn du die Linie vor Start berührt hast.

Wie lange habe ich Zeit?

Laut SI, typisch 1 Minute nach Start.

Kann ich protestieren, wenn ich fälschlich für OCS gehalten wurdest?

Ja, innerhalb der Protestfrist.

Zählt ein General Recall als Rennen?

Nein, es wird neu gestartet.

Was, wenn die Wettkampfleitung kein Signal gibt?

Ohne OCS-Nachweis kein Recall; bei Fehler der RC kann Redress möglich sein.

Taktische Überlegungen

Für ambitionierte Segler sind Recalls mehr als Regelkunde:

  • Wer bei Individual Recall schnell und effizient zurücksegelt, verliert weniger Boote als langsame Rückkehrer
  • Bei General Recall lohnt es sich, den ersten Start zu analysieren: War das favoured end überlaufen? War die Timing-Strategie falsch?
  • In der Wertung kann ein DSQ durch versäumten Individual Recall eine ganze Serie kosten – Disziplin am Start zahlt sich aus

Verwandte Themen