Katamarane und Multihulls

Multihulls – zu Deutsch Mehrkielboote – haben das Regattasegeln in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Während Monohulls lange als Standard galten, dominieren Katamarane und Trimarane heute olympische Disziplinen, Profi-Serien wie SailGP und den America's Cup. Ihre breite Plattform, geringer Wasserwiderstand und hohe Geschwindigkeit machen sie zu spektakulären Wettkampfmaschinen – gleichzeitig stellen sie Crews vor völlig andere Anforderungen als klassische Kielboote.

Wer verstehen will, warum ein Nacra 17 Olympia-Boot auf Foils schneller segelt als mancher Kielyacht-Downwind-Lauf, oder welche Mehrrumpfboot-Klasse zum eigenen Regatta-Ziel passt, findet hier die Grundlagen: von der Physik über gängige Bootsklassen bis zu Taktik, Crew-Rollen und Einstieg.

Was sind Katamarane und Multihulls?

Ein Katamaran besteht aus zwei parallelen Rumpfkörpern (Bähnen), die durch einen Querträger (Achter- oder Vorderquerbalken) verbunden sind. Ein Trimaran trägt zusätzlich einen zentralen Hauptkiel (Floater) zwischen den äußeren Bähnen. Beide Formen gehören zur Gruppe der Multihulls – im Gegensatz zum Monohull mit einem einzelnen Kiel.

In der Regatta-Welt unterscheidet man grob drei Einsatzbereiche:

  1. Olympische und internationale strenges One-Design-Klassen wie der Nacra 17 oder der Hobie Cat 16
  2. Breitensport- und Club-Klassen wie F18, A-Cat oder Beach-Cat-Regatten
  3. Profi- und Entwicklungsboote wie AC75 beim America's Cup oder F50 bei SailGP

Multihull-Familien im Überblick

Multihulls

Übergeordnete Kategorie aller Mehrkielboote

Katamaran

Beach Cat, F18, Nacra 17

Trimaran

ORMA, MOD70

Profi-Foiling

AC75, F50 SailGP

Physikalische Vorteile auf der Regattabahn

Multihulls nutzen Formstabilität statt Kielballast. Die breite Plattform verhindert Kenterung bis zu einem bestimmten Winkel und erlaubt deutlich höhere Rumpfgeschwindigkeiten als die theoretische Hull-Speed-Grenze eines Monohulls. Entscheidend für Regatta-Erfolg sind:

  • Geringer Wasserwiderstand durch schmale Bähnen und leichte Konstruktion
  • Hohe rechtwinklige Stabilität – Crews nutzen Trapeze statt Ballast
  • Große Segelfläche im Verhältnis zum Bootsgewicht (hohes Power-to-Weight-Ratio)
  • Schnelle Beschleunigung bei Böen und Downwind-Surfen

Achtung: Multihulls kentern schneller und heftiger als Monohulls. Capsize-Training und Rettungswestenpflicht sind auf den meisten Regatta-Strecken Standard – besonders bei Foiling-Klassen.

Vergleich: Monohull, Katamaran und Trimaran

Kriterium
Monohull
Katamaran
Trimaran
Stabilität
Kielballast
Formstabilität (breite Plattform)
Sehr hoch durch zentralen Floater
Typische Regatta-Geschwindigkeit
Moderat bis schnell
Schnell bis sehr schnell
Sehr schnell, besonders offshore
Crew-Größe (typisch)
1–12+ je nach Klasse
1–4 bei Sport-Kats
3–12 bei Racer-Trimarans
Manövrierfähigkeit
Gut bis sehr gut
Engere Wendekreise möglich
Wenden aufwendiger, hohe VMG offshore
Regatta-Einsatz
ILCA, 470er, J70, ORC
Nacra 17, F18, Hobie, SailGP F50
Offshore-Races, MOD70, Prologues
Einstiegshürde
Niedrig bis mittel
Mittel (Trapeze, Balance)
Hoch (Größe, Handling, Kosten)

Wichtige Regatta-Klassen im Überblick

Die Multihull-Landschaft reicht vom Club-Strandsegler bis zum Millionen-Dollar-America's-Cup-Boot. Die gängigsten Regatta-Kategorien:

Beach Cats und Club-Katamarane

Hobie Cat 16, Dart 18 und vergleichbare Beach Cats sind der klassische Einstieg. Regatten finden oft direkt am Strand statt – Shore-Starts, kurze Bahnen und schnelle Rennen prägen das Format. Viele Segler sammeln hier erste Erfahrungen mit Trapeze, Spinnaker und der Koordination zu zweit.

Formula 18 und internationale Kat-Klassen

Der Formula 18 (F18) gilt als eine der leistungsfähigsten Amateur-Multihull-Klassen weltweit. Strenge One-Design-Vorgaben, Doppeltrapez-Segeln und ein 18-Quadratmeter-Rigg machen F18-Regatten zu anspruchsvollen Fleet-Races. Details zu F18, Nacra-Varianten und verwandten Klassen stehen unter F18 und Nacra-Klassen.

Olympischer Multihull: Nacra 17

Seit 2016 ist der Katamaran fest im olympischen Programm verankert – als Mixed-Klasse mit Mann und Frau an Bord. Der Nacra 17 segelt auf Hydrofoils und gehört zu den spektakulärsten Disziplinen der Olympischen Bootsklassen. Wer vom Jugend-Multihull in den Leistungssport wechseln will, trifft hier auf internationales Niveau.

Profi-Serien: America's Cup und SailGP

Am oberen Ende der Leistungsskala stehen Foiling-Katamarane mit Crews aus Profi-Seglerinnen und Seglern. Der America's Cup setzt mit den AC75-Booten Maßstäbe für Foiling-Technologie und Match-Racing-Taktik – ausführlich behandelt unter America's-Cup-Boote.

SailGP nutzt einheitliche F50-Katamarane für ein globales Stadion-Format mit kurzen Rennen und Live-Übertragung. Das Format, die Boote und die Taktik sind im Artikel Format und F50-Katamarane beschrieben.

Multihull-Klassen nach Geschwindigkeit

Klasse
Typ
Geschwindigkeitsniveau (Richtwert)
Hobie 16
Beach Cat
Einstieg – moderates Tempo
Formula 18
Amateur-Katamaran
Schnell – hohe Fleet-Geschwindigkeit
Nacra 17
Olympischer Foiling-Kat
Sehr schnell – 25–30 Knoten
F50 SailGP
Profi-Katamaran
Extrem schnell – Stadion-Format
AC75 America's Cup
Entwicklungsboot
Spitzentechnologie – höchstes Niveau

Foiling: Die Revolution der Multihulls

Foiling – das dauerhafte Abheben auf Hydrofoils – hat Multihulls nochmals beschleunigt. Statt durch das Wasser zu schneiden, „fliegt" der Rumpf über die Oberfläche; nur die Foils und gelegentlich die Bähnen berühren das Wasser. Das Prinzip, Setup und Regatta-Relevanz sind unter Was ist Foiling erklärt.

Was Foiling für Regatta-Segler bedeutet

  1. Höhere Durchschnittsgeschwindigkeiten auf allen Kursen – besonders upwind und reaching
  2. Neue Manövrier-Techniken – Foiling-Tacks und Foiling-Gybes erfordern eigenes Training
  3. Feinere Balance-Kontrolle – Crew-Gewicht und Foiling-Höhe müssen permanent abgestimmt werden
  4. Materialintensive Ausrüstung – Foils sind empfindlich, teuer und unterliegen Class Rules

Foiling-Regatta-Leg im Ablauf

1
Start (Wasserstart)
2
Upwind-Foiling
3
Windward-Mark-Rounding
4
Downwind-Foiling mit Spinnaker
5
Finish

Wichtig: Ein kurzer Foiling-Ausfall (Crash-Down) kostet in engen Fleet-Races oft mehrere Bootslängen. Kontinuierliches Foiling ist auf Top-Niveau Pflicht – nicht optional.

Regatta-Taktik auf Multihulls

Multihull-Taktik unterscheidet sich merklich von Monohull-Strategien. Die höhere Geschwindigkeit komprimiert Entscheidungsfenster; Laylines kommen schneller, und der Start hat noch größere Bedeutung.

Start und Beschleunigung

  1. Frühe Positionierung – Multihulls brauchen Platz für Beschleunigung; ein schlechter Start ist schwer aufzuholen
  2. Bias-End nutzen – wie bei Monohulls, aber mit höherer Geschwindigkeit am ersten Bein
  3. Clear Air priorisieren – Dirty Air wirkt bei Katamaranen stärker wegen der großen Segelfläche

Upwind und VMG

Am Wind zählt VMG (Velocity Made Good) mehr denn je. Multihulls können höhere Winkel fahren als viele Monohulls, aber nur bei optimalem Trim und Crew-Gewicht. Zu frühes Layline-Segeln bestraft sich durch schlechtere Markenrundungen.

Downwind und Surfen

Downwind dominiert das Surfen: Böen und Wellen nutzen, um über Gegner zu accelerieren. Asymmetrische Spinnaker (Nacra 17, F18) erfordern präzises Set und Drop – siehe auch Spinnaker-Set und Drop.

Markenrundungen

Engere Wendekreise und schnellere Beschleunigung ermöglichen spätere Rundungen – aber Rule 18 und Overlap-Situationen müssen bei höherer Relativgeschwindigkeit schneller entschieden werden. Gate-Rundungen am Lee-Mark sind bei Katamaranen oft effizienter als klassische Einzelmarken.

Crew-Rollen und Koordination

Auf einem typischen Regatta-Katamaran teilen sich zwei bis vier Segler klar definierte Aufgaben:

  • Steuerperson (Helm) – Kurs, Balance, Foiling-Höhe, taktische Entscheidungen
  • Vorsegler / Crew – Trimm, Spinnaker, Trapeze, Kommunikation mit Gegnern und Fleet
  • Bei größeren Booten – Trimmer, Pit, Grinder und Taktiker analog zu Kielboot-Crews

Die Trapeze-Technik in Dinghies bildet die Basis für fast alle sportlichen Katamarane. Doppeltrapeze erfordert synchrones Hiking und präzise Gewichtsverlagerung bei Manövern.

Tipp: Klare Kommandos und feste Rollen reduzieren Fehler bei schnellen Manövern. Profi-Crews üben Set/Drop-Sequenzen und Foiling-Gybes bis zur Automatisierung.

Material und One-Design-Regeln

Multihulls für Regatten unterliegen meist Class Rules oder One-Design-Vorgaben. Typische Regelungsbereiche:

Bereich
Typische Vorgabe
Regatta-Relevanz
Rumpfmaterial
Carbon, Glasfaser – festgelegte Bauweise
Gleiche Basisleistung in One-Design
Segel
Zertifizierte Segelmacher, max. Anzahl pro Event
Kein Material-Wettrüsten
Foils
Genehmigte Profile, Messprotokolle
Protest bei Abweichungen möglich
Crew-Gewicht
Mindest-/Höchstgewicht je nach Klasse
Fairness und Sicherheit
Sicherheitsausrüstung
Schwimmweste, Helm, Rettungsmittel
Pflicht bei den meisten Veranstaltern

Measurement und Materialkontrolle entsprechen den allgemeinen Regeln unter Equipment Rules of Sailing.

Einstieg in Multihull-Regatten

Der Weg in die Multihull-Regatta-Welt folgt meist einer klaren Progression:

  1. Grundlagen auf Monohull oder Beach Cat – Balance, Windgefühl, Regatta-Ablauf
  2. Trapeze und Spinnaker erlernen – in Club-Kursen oder mit erfahrenem Partner
  3. Erste Club-Regatta – Hobie, Dart oder vergleichbare Klasse
  4. Umstieg auf F18 oder Nacra 15/17 – je nach Körpergröße, Budget und Karriereziel
  5. Spezialisierung – olympischer Weg (Nacra 17), America's Cup oder SailGP als Langfristziel

Bei der Bootswahl helfen die Kriterien unter Bootsklasse wählen – ergänzt um Multihull-spezifische Faktoren wie Trapeze-Erfahrung und Foiling-Ambitionen.

Checkliste: Erste Multihull-Regatta

  • Segelschein und Regattalizenz prüfen
  • Schwimmweste und Helm packen
  • Capsize-Training absolviert
  • Trapeze-Gurt und Schuhe checken
  • Class Rules gelesen
  • Spinnaker-Set geübt
  • Wetter und Windlimit verstanden
  • Protest-Uhr und Funk bereit

Sicherheit und Capsize-Management

Multihulls kentern anders als Monohulls: Sie kippen oft auf die Bähnen (Inversion) oder liegen als „Turtle" mit dem Mast nach unten. Regatta-Organisatoren verlangen deshalb:

  • Nachweis von Capsize-Recovery-Training
  • Rettungswesten während des gesamten Rennens
  • Bei Foiling-Klassen oft Helmpflicht
  • Safety-Boats auf der Regattaebene

Ausführliche Manöver finden sich unter Kenterung und Wiederaufrichten und Turtle und Inversion Recovery.

Zukunft: Wo entwickeln sich Multihulls?

Die Trends für die kommenden Regatta-Jahre:

  • Foiling in weiteren Klassen – vom Jugend-Multihull bis zur Breitensport-Klasse
  • Mixed und paritäre Crews – Vorbild Nacra 17, SailGP Women's Pathway
  • Nachhaltigere Materialien – recycelbare Rumpfe, langlebigere Foils
  • Stadion-Formate – kurze Kurse, Live-Tracking, Zuschauernähe wie bei SailGP

Multihull-Anteil im olympischen Segeln: Von null olympischen Multihull-Disziplinen im Jahr 2000 wuchs das Angebot mit dem Nacra 17 ab 2016 deutlich an. Für 2024 und 2028 bleibt der Foiling-Katamaran als Mixed-Klasse fest im Programm verankert – ein klarer Trend zu schnelleren, spektakuläreren Wettkampfformen.

Häufige Fragen zu Multihulls im Regattasegeln

Brauche ich Monohull-Erfahrung?

Nein, aber sie hilft beim Verständnis von Regatta-Ablauf, Windgefühl und taktischen Grundlagen. Viele Segler steigen direkt über Beach Cats ein.

Was kostet ein Einstiegs-Katamaran?

Gebrauchte Hobie 16 oder vergleichbare Beach Cats sind ab wenigen tausend Euro erhältlich. Neue F18- oder Nacra-Boote liegen deutlich höher – je nach Klasse und Ausstattung.

Ist Foiling Pflicht?

Nur in Klassen, die Foiling in den Class Rules vorschreiben – wie Nacra 17, SailGP F50 oder AC75. Beach Cats und viele Club-Katamarane segeln ohne Foils.

Welche Körpergröße passt zum Nacra 17?

Die Mixed-Crew benötigt Koordination und Kraft für Doppeltrapeze und Foiling. Körpergröße ist weniger entscheidend als Balance, Technik und gemeinsames Crew-Gewicht gemäß Class Rules.

Wo finde ich F18-Regatten in Deutschland?

Über nationale Klassenverbände, Regatta-Kalender der Seglerverbände und internationale F18-Fleet-Events. Viele Regatten finden an Nord- und Ostsee sowie an großen Binnenseen statt.

Verwandte Themen