29er und RS Aero

Der 29er und die RS Aero stehen für zwei völlig unterschiedliche, aber gleichermaßen einflussreiche Richtungen im modernen Jollen-Segeln. Der 29er ist das international anerkannte Jugend-Skiff mit Doppeltrapeze und asymmetrischem Spinnaker – die direkte Brücke zum olympischen 49er und 49erFX. Die RS Aero ist eine leichte Einhand-Jolle mit austauschbarem Rig-System, die Clubregatten, Masters-Wettkämpfe und breites Freizeitsegeln prägt. Wer nach Optimist oder ILCA Laser den nächsten Schritt sucht, trifft im Nachwuchsleistungssport häufig auf den 29er; wer ein leichtes, transportfreundliches Einhandboot für vielfältige Windbedingungen möchte, findet in der RS Aero eine der am schnellsten wachsenden Klassen weltweit.

Zwei Klassen, zwei Philosophien

Obwohl beide Boote unter Jollen und Dinghies geführt werden, verfolgen sie unterschiedliche Ziele:

  1. 29er – Hochgeschwindigkeits-Skiff für zwei junge Segler, Fokus auf Trapeze, Spinnaker und olympische Karriereplanung
  2. RS Aero – Einhand-Boot mit modularer Rig-Wahl, Fokus auf Zugänglichkeit, geringes Gewicht und breites Regatta-Feld
  3. Gemeinsam – Moderne One-Design-Philosophie, aktive Klassenverbände, internationale Flotten und reges Regatta-Leben

29er

  • Leistungssport und Jugend
  • Skiff-Pfad zum 49er
  • Doppelhand mit Trapeze

RS Aero

  • Einhand und Clubsegeln
  • Masters und Breitensport
  • Flexible Rig-Wahl (5/7/9)

Der 29er: Jugend-Skiff und 49er-Feeder

Der Australier Julian Bethwaite – auch Erfinder des 49er – entwarf den 29er Ende der 1990er-Jahre als gezieltes Nachwuchs-Skiff. Die Klasse soll junge Segler an Doppeltrapeze, asymmetrischen Spinnaker und planendes Skiff-Handling heranführen, ohne sofort die volle physische Belastung eines 49er zu verlangen. Seit 2000 ist der 29er von World Sailing als International Class anerkannt; Welt- und Europameisterschaften sowie die Youth Sailing World Championships gehören zum festen Kalender.

29er Meilensteine

1998
Entwurf durch Julian Bethwaite
2000
International Class bei World Sailing
2000er
Globale Jugendflotten weltweit
2010er
Enge Verknüpfung mit 49er/49erFX-Kadern
heute
Standard-Skiff im U21-Leistungssport

Technik und Abmessungen

Der 29er teilt die Skiff-DNA mit dem 49er: flacher, breiter Rumpf, minimale Verdrängung, schnelles Planen und permanentes Trapeze-Segeln ab mittlerem Wind. Der Rumpf ist aus Fiberglas-Epoxid in lizenzierten Werften gefertigt; Mast, Segel und Spinnaker unterliegen strikten Class Rules gemäß One-Design vs. Handicap-Systeme.

Merkmal
International 29er
Vergleich 49er (Referenz)
Rumpflänge
ca. 4,23 m
ca. 4,99 m
Breite
ca. 1,73 m
ca. 1,75 m
Rumpfgewicht
ca. 66 kg
ca. 94 kg
Crew
2 Personen (Jugend/U21)
2 Personen (Erwachsene)
Trapeze
Ja (beide Crew-Mitglieder)
Ja (beide Crew-Mitglieder)
Spinnaker
Asymmetrisch
Asymmetrisch (größer)
Olympia-Status
Nein (Feeder-Klasse)
Ja (Männer/Frauen-Skiff)
Typisches Crew-Gewicht
ca. 100–130 kg gesamt
ca. 110–170 kg gesamt

Crew-Rollen und Skiff-Handling im 29er

Im 29er arbeiten Steuermann und Vorschoter wie im großen Skiff eng zusammen – nur in etwas kleinerem Maßstab und mit angepassten Kräften:

  • Steuermann – Ruder, Groß-Trim, Taktik, Balance im Trapeze, Regelkommunikation
  • Vorschoter – Vorsegel, Spinnaker-Set und Drop, Wire-to-Wire-Wechsel, Rig-Feedback
  • Gemeinsam – Capsize-Recovery, Starttaktik, schnelle Halsen und Wenden auf kurzen Bahnen

Wire-to-Wire am 29er

1
Manöuvre ankündigen
2
Spinnaker/Vorsegel vorbereiten
3
Gewicht synchron verlagern
4
Trapeze-Seite wechseln
5
Kurs und Trim stabilisieren

Der Übergang vom 420er und 470er zum 29er ist nicht automatisch der beste Weg: Der 420er lehrt klassisches Doppelhand-Segeln mit Trapeze, der 29er verlangt sofort Skiff-Denken mit permanentem Planen und aggressivem Downwind-Speed. Viele Skiff-Kader steigen direkt aus ILCA oder Optimist in den 29er um.

Die RS Aero: Leichtbau-Einhand mit Rig-Modularität

Die RS Aero von RS Sailing wurde 2012 von Paul Handley entworfen und setzte neue Maßstäbe für Leichtigkeit im Einhand-Segment. Der Rumpf wiegt nur rund 30 kg – das Boot lässt sich von einer Person auf Anhänger oder Dach tragen. Eine selbstentwässernde Cockpit-Form, ein schlankes Deckslayout und ein austauschbares Mast-Rig-System machen die Klasse für sehr unterschiedliche Segler körperlich zugänglich.

RS Aero Meilensteine

2012
Markteinführung RS Aero
2014
Erste Weltmeisterschaft
2010er
Globale Flotten in Europa und Australien
2020er
Masters- und Club-Boom
heute
Eine der größten modernen Einhand-Klassen

Die drei Rig-Varianten: Aero 5, Aero 7, Aero 9

Das Besondere an der RS Aero ist das modulare Rig-Konzept. Statt separate Bootsklassen zu segeln, wechseln viele Segler innerhalb derselben Klasse den Mast-Satz – je nach Körpergewicht und Windstärke:

Rig
Mastlänge (ca.)
Segelfläche (ca.)
Zielgruppe / Wind
RS Aero 5
ca. 5,0 m
ca. 5,5 m²
Leichte Segler, Jugendliche, starker Wind
RS Aero 7
ca. 5,8 m
ca. 7,4 m²
Mittelfeld-Gewicht, Allround-Rig
RS Aero 9
ca. 6,9 m
ca. 9,0 m²
Schwerere Segler, leichtes bis mittleres Windband

RS Aero 5

  • Leichtes Gewicht, starker Wind
  • Ideal für Jugendliche

RS Aero 7

  • Allround-Rig für Mittelfeld
  • Ein Rumpf – mehrere Rigs

RS Aero 9

  • Schwerere Segler
  • Leichtes bis mittleres Windband

RS Aero im Regatta-Alltag

Im Gegensatz zum 29er segelt die RS Aero allein – Taktik, Trim und Manöuvre liegen vollständig auf einer Person. Die Klasse ist nicht olympisch, dafür aber international stark vertreten:

  1. Club- und Regionalregatten – niedrige Einstiegshürde, ein Boot passt in viele Fahrzeuge
  2. RS Aero World Championships – jährliches Highlight mit getrennten Rig-Wertungen
  3. Masters- und Age-Group-Events – attraktiv für erfahrene Segler, die kein Doppelhand-Team suchen
  4. Freizeit- und Cruising-Tage – leichtes Handling auch außerhalb des Wettbewerbs

Wichtig: Die RS Aero ist kein Ersatz für den 29er im Olympia-Pfad – wer Skiff-Olympia anstrebt, segelt 29er und wechselt später in den 49er. Die RS Aero eignet sich hervorragend als Einhand-Alternative zur ILCA oder als leichtes Boot für Segler mit begrenztem Transportbudget.

Karrierewege und Klassenwahl

Die Entscheidung zwischen 29er und RS Aero hängt vom Regatta-Ziel ab. Eine strukturierte Orientierung bietet Bootsklasse wählen und der Olympia-Weg und Leistungssport-System.

Phase
29er-Pfad
RS-Aero-Pfad
Einstieg
Optimist, ILCA 4/6, ggf. 420er
Optimist, ILCA, Club-Einhand
Leistungsfokus
29er ab ca. 14–15 Jahren
Rig-Wahl nach Gewicht, Club-WM
Spitzenwettkampf
29er-WM, Youth Worlds, U21-EM
RS Aero Worlds, Masters, Grand Prix
Typischer nächster Schritt
49er / 49erFX
ILCA, andere Einhand-Klassen, Freizeit

Karriereweg 29er-Skiff-Segler

1
Optimist / ILCA
2
29er (Skiff-Technik)
3
49er / 49erFX (Olympia-Kader)
4
WM / World Cup
5
Olympia

Internationale Nachwuchs-Events wie die Youth Sailing World Championships sind für 29er-Segler zentrale Qualifikations- und Sichtungsregatten.

Regatta-Taktik und Trainings-Schwerpunkte

29er: Skiff-Taktik unter Druck

29er-Regatten werden auf Windward-Leeward-Bahnen mit Gate und asymmetrischem Spinnaker gesegelt – ähnlich wie beim 49er, aber mit jüngeren Crews und oft etwas kürzeren Rennen. Zentrale Taktik-Punkte:

  1. Start – klares End, Geschwindigkeit ab der Linie, frühe Kontrolle über Luft
  2. Upwind – VMG-Balance zwischen Höhe und Planen, Trapeze-Timing
  3. Downwind – Spinnaker-Trim, Surfing-Linien, aggressive Gate-Rundungen
  4. Kommunikation – kurze, klare Kommandos zwischen Steuermann und Vorschoter
  5. Fitness – Core-Stabilität und Ausdauer für mehrstündiges Trapeze-Segeln

Typische 29er-Regatta: 8–12 Rennen pro Event, 1–2 Discards, Windband 8–18 Knoten ideal, Rennen ca. 12–18 Minuten, hohe Capsize-Rate bei Anfängern in der ersten Saison. Steigende Jugend-Teilnehmerzahlen bei WM und Youth Worlds.

RS Aero: Einhand-Taktik und Rig-Management

In der RS Aero entscheidet Körpergewicht und Rig-Wahl über Wettbewerbsfähigkeit. Segler müssen ihr Rig an Wind und Gewicht anpassen – bei vielen Events gibt es getrennte Wertungen pro Rig-Größe. Taktische Schwerpunkte:

  • Hiking vs. Stehen – je nach Rig und Wind die richtige Balance finden
  • Startposition – als Einhand-Segler früh und sauber starten, ohne Team-Support
  • Wenden und Halsen – Roll-Tacks und saubere Manöuvre ohne Geschwindigkeitsverlust
  • Strategie allein – Windbeobachtung und Lane-Wahl ohne Taktiker an Bord

Tipp: Für RS-Aero-Einsteiger lohnt sich zuerst das kleinere Rig (Aero 5 oder 7), um Bootshandling zu festigen, bevor das größere Rig in leichtem Wind eingesetzt wird – ähnlich wie bei der schrittweisen Segelwahl in der ILCA-Klasse.

Material, Budget und Einstieg

29er: Ein neuer Rumpf liegt deutlich über Einstiegs-Jollen wie dem Optimisten, aber unter einem 49er. Dazu kommen Trapeze-Ausrüstung, mehrere Spinnaker für unterschiedliche Windstärken, Mast-Biege-Profile und Reisekosten zu internationalen Events. Förderung über Landesverbände und Skiff-Kader ist für ambitionierte Jugendliche üblich.

RS Aero: Der Rumpf ist vergleichsweise günstig; das Gesamtbudget hängt von der Rig-Anzahl ab. Viele Segler starten mit einem Rig und erweitern später. Transport per Anhänger oder Autodach ist ein großer praktischer Vorteil gegenüber schwereren Einhand-Booten.

Achtung: Beim Kauf eines gebrauchten 29er Rumpf, Mast und Spinnaker auf Class-konforme Maße prüfen – nicht konforme Bausteine führen bei WM und Meisterschaften zu Problemen bei der Materialkontrolle.

Checkliste: Saisonvorbereitung

29er-Saison

  • Rumpf und Trapeze-Gestelle auf Verschleiß und Risse prüfen
  • Mast-Biege-Profil messen und dokumentieren
  • Spinnaker nach Windband sortieren und Kennzeichnung kontrollieren
  • Capsize- und Inversion-Recovery regelmäßig trainieren
  • Crew-Gewicht und Fitness-Plan für die Saison festlegen
  • Regatta-Kalender mit Youth-Events und nationalen Meisterschaften abstimmen
  • Rig-Tuning-Protokoll für Light, Medium und Heavy Wind erstellen
  • Kommunikations-Kommandos für Manöuvre standardisieren

RS-Aero-Saison

  • Rig-Passung zu Körpergewicht und Saisonziel überprüfen
  • Mast, Segel und Ränschübe auf Schäden kontrollieren
  • Wagen, Dolly oder Anhänger auf Transportfähigkeit prüfen
  • Neopren/Schuhe für Hiking und Steuer-Balance testen
  • Club- und WM-Regatta-Kalender planen
  • Wende- und Halse-Training in verschiedenen Windstärken absolvieren
  • Rig-Wechsel-Prozedur üben, falls mehrere Masts im Einsatz
  • Rettungsweste und Sicherheitsausrüstung aktualisieren

Erster 29er-Regattatag

  • Materialkontrolle
  • Wetterbriefing
  • Startsequenz besprechen
  • Protest-Uhr griffbereit
  • Capsize-Plan
  • Trinken/Energie
  • Regatta-Komitee-Kontakt
  • Rig-Check vor jedem Rennen

29er und RS Aero im Vergleich – wer segelt was?

Kriterium
29er
RS Aero
Crew-Größe
2 Personen (Jugend/U21)
1 Person
Körperliche Belastung
Hoch (Doppeltrapeze, Skiff-Speed)
Moderat (Rig-abhängig)
Olympia-Pfad
Ja (Feeder zum 49er)
Nein
Transport
Anhänger, Team erforderlich
Autodach/Anhänger, solo
Budget
Höher (Material, Reisen, Kader)
Günstiger (Rumpf, flexibles Rig)
Altersgruppe
Jugend/U21 Leistungssport
Breites Spektrum, Masters
Regatta-Typ
Skiff-WM, Youth Worlds
Club, Masters, Grand Prix

Beide Klassen bereichern das Regattasegeln auf unterschiedliche Weise: Der 29er bildet die wichtigste internationale Skiff-Ausbildung für den Weg zum 49er und damit zum olympischen Skiff-Segeln. Die RS Aero demokratisiert schnelles Einhand-Segeln durch Leichtbau und Rig-Modularität – ideal für Clubsegler, Masters und alle, die ohne Crewpartner regelmäßig Wettkampf segeln wollen.

Häufige Fragen

Ab welchem Alter 29er? – Typisch ab 14–15 Jahren, abhängig von Körpergröße und Erfahrung.

Ist RS Aero olympisch? – Nein, reine International Class ohne Olympia-Status.

Welches RS-Aero-Rig für 70 kg? – Meist Aero 7, bei starkem Wind Aero 5.

29er oder 420er? – 420er für klassisches Doppelhand/Olympia-Pfad 470er; 29er für Skiff-Pfad 49er.

Kostenvergleich? – RS Aero günstiger in Anschaffung und Transport; 29er höher bei Material und Reisekosten im Leistungskader.

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